Privatinsolvenz : Gefangen in der Schuldenspirale

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Flensburgerin kämpft mit Hilfe der städtischen Schuldnerberatung gegen die Zahlungsunfähigkeit - trotz Arbeit reicht das Geld vorn und hinten nicht.

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10. Juni 2015, 09:00 Uhr

Irgendwann wusste Christina Peetz (Name von Red. geändert) nicht mehr weiter. Da wuchs ihr die Sache über den Kopf. Die Stadtwerke drohten damit, den Strom abzustellen. Der Vermieter drohte mit fristloser Kündigung der Wohnung. Ihre Familienhelferin gab ihr den Rat, die Schuldnerberatung aufzusuchen. Die beiden wichtigsten Baustellen hat sie inzwischen abgearbeitet: Der Strom fließt, die Wohnung ist sicher.

Christina Peetz und ihre Geschichte stehen für viele andere in der Stadt. Obwohl ihr Mann eine feste Vollzeitstelle hat, schrammt die Familie mit drei Kindern immer hart an der Hartz-IV-Grenze entlang. Zusammen mit dem Kindergeld-Zuschlag, der Wohnhilfe und dem Zuschuss für Bildung und Teilhabe kommen die Fünf gerade zurecht. Um die Mietschulden abzustottern, musste eisern gespart werden; bei den Verhandlungen mit den Stadtwerken half Schuldnerberater Jann Rothberg.

Der letzte Urlaub? „Als Familie waren wir noch nie in Urlaub.“ In diesem Jahr können wohl erstmals alle drei Kinder auf eine organisierte Jugendreise fahren. Kino? Neue Klamotten? Essen gehen? „Einmal im Jahr zum Griechen, an unserem Hochzeitstag.“ Den Ausflug in den Kletterpark konnte der Sohn nur dank des Bildungs- und Teilhabe-Pakets mitmachen. In Tarup teilen sich die Fünf eine 70-Quadratmeter-Wohnung.

Miete und Strom sei immer das, was man zuerst klären muss, so Rothberg. Stromsperre und Räumungsklage sollen unter allen Umständen vermieden werden. Dennoch: „Wir haben in Flensburg pro Woche eine vollstreckte Räumungsklage“, so Gert Koll, Leiter der Schuldnerberatung im Rathaus. Jann Rothberg ist ein wenig stolz, dass Christina Peetz den Konflikt mit dem Vermieter selbst gelöst hat. Doch sie bleibt Rothberg noch ein wenig erhalten, denn da sind noch die „Jugendsünden“: Alt-Schulden in Höhe von fast 14  000 Euro bei insgesamt 22 Gläubigern. Handy-Verträge, TV-Geschichten, Anschaffungen, Rechnungen, die nie bezahlt wurden, weil sie in die Ecke geworfen und ignoriert wurden. Der 31-Jährigen ging es wie vielen, denen die Schulden über den Kopf wachsen: „Man kommt irgendwann aus der Spirale nicht mehr raus. Dann verschließt man die Augen vor der eigenen Situation.“

Doch jetzt will sie für ihre Schulden gerade stehen. „Eine Privat-Insolvenz kommt für mich nicht in Frage, die möchte ich meinen Kindern ersparen.“ Die Alternative: das Treuhandkonto. Jeden Monat muss sie 50 Euro einzahlen, Jann Rothberg verhandelt mit den Gläubigern und bietet kleine Beträge an, hofft auf ein Entgegenkommen, einen Vergleich. Die Tilgung aller Schulden wird Jahre dauern. Immerhin: „Seit Sie hier sind, haben Sie keine neuen Schulden gemacht“, lobt er die 32-Jährige.

Für das Handy kauft sie nur noch Prepaid-Karten, „obwohl ein Vertrag eigentlich günstiger ist“ – aber eben regelmäßig Geld bindet. Selbst für das Internet wird nur ein Prepaid-Stick verwendet. Feste Kosten sollen unbedingt klein gehalten werden. Peetz hat ihre Erfahrungen mit Verträgen, die sie irgendwann einmal abgeschlossen hat.

Während ihr Mann arbeiten geht, kümmert sie sich um die Kinder und den Papierkram: Rathaus, Familienkasse, Kinder- und Jugendbüro, Wohnhilfen, Schuldnerberatung. „Das ist viel Rennerei.“ Bestimmte Leistungen müssen immer wieder neu beantragt werden. „Da kommt es schon mal zu Verzögerungen bei der Auszahlung, und dann wird es kritisch“, weiß Rothberg.

In Flensburg wie auch vermehrt in anderen Städten sind Schuldnerberatung und Wohnhilfen zusammengelegt; diese Maßnahme habe sich in der Praxis bewährt, so Koll. „Wir werden informiert, wenn irgendwo eine fristlose Wohnungskündigung droht und können eingreifen.“

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