Fussball-Weltmeisterschaft : Fußballfans im Jahr 1954: Tabakbilder statt Public Viewing

<p>Andenken an die WM 1954: Manfred Thoms (71 Jahre) hat die Tabakbilder bis heute aufbewahrt. </p>

Andenken an die WM 1954: Manfred Thoms (71 Jahre) hat die Tabakbilder bis heute aufbewahrt.

Der Flensburger Manfred Thoms zeigt shz.de seine Sammelkärtchen der WM 1954. Erinnerungen an eine Zeit ohne mediale Dauerpräsenz.

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10. Juni 2018, 14:40 Uhr

Flensburg | Von Großleinwänden, Livestreams und Fan-Festen hat man als fußballbegeisterter Junge im Sommer 1954 noch nicht einmal träumen können. Deutschlands erster Weltmeistertitel, das „Wunder von Bern“, ging im Vergleich zu heute relativ geräuschlos über die Bühne. Es gab Radioübertragungen, auch erste TV-Bilder, in deren Genuss jedoch nur einige privilegierte Besitzer eines Fernsehers kamen – damals weniger als vier Prozent der Bevölkerung.

Doch wer einen Vater hatte, der dem Tabakkonsum nicht abgeneigt war, hatte mit etwas Glück einen eigenen Übertragungskanal – analog, zeitversetzt, aber dafür informationsreich und von bester Qualität. Den Tabakpäckchen der Vogelsang Tabakfabrik in Bremen lagen im Sommer 1954 Sammelbilder der WM bei. Der Flensburger Manfred Thoms, damals acht Jahre alt, erinnert sich noch gut an die Situationen, wenn der Vater, der seine Zigaretten mit Efka-Papier selbst drehte, wieder ein neues Tabakpäckchen öffnete.

<p>Helmut Rahns Meisterschuss fünf Minuten vor Schluss für Deutschland – das entscheidende 3:2 gegen Ungarn. </p>

Helmut Rahns Meisterschuss fünf Minuten vor Schluss für Deutschland – das entscheidende 3:2 gegen Ungarn.

 

„Er gab uns Kindern die Bilder. Ich musste sie mit meiner Schwester teilen, aber das haben wir immer ohne Streit hinbekommen. Sie hatte zum Glück kein großes Interesse daran“, sagt der heute 71-Jährige. Die kleinen Kärtchen hat er damals „immer sorgfältig beiseite gelegt“, in eine alte Zigarrenkiste, und weil sich die Ordnungsliebe in seinem Leben fortsetzte, liegen sie auch heute noch in einem Schrank seines Arbeitszimmers in der Flensburger Wohnung.

Erst nach der WM auf den Markt

Den heutigen Hype um die Sammelbilder beäugt er mit Erstaunen. „Wir waren damals nicht so hinterher, wie es heute ist mit den Panini-Bildern“, sagt Manfred Thoms. Gegen die aktuellen Kunststoff-Sticker wirken die Retro-Exemplare edel. Das liegt vor allem am Material: Es handelt sich um echte Abzüge auf stabilem Fotopapier, mit weißem Rahmen. Über die Jahre hat sich über die Schwarz-Weiß-Aufnahmen ein leichter Gelbstich gelegt.

<p>Überragende Abwehr: Werner Liebrich beim 2:0-Sieg gegen Jugoslawien.</p>

Überragende Abwehr: Werner Liebrich beim 2:0-Sieg gegen Jugoslawien.

Anders als die Sammelbilder heute zeigt die Vogelsang-Kollektion von 1954 keine Spielerporträts, sondern in erster Linie Spielsituationen der deutschen Elf um Kapitän Fritz Walter – entsprechend kamen die Kärtchen auch erst mit zeitlicher Verzögerung nach der WM auf den Markt.

Die mit Abstand meisten Aufnahmen stammen aus dem Finale gegen Ungarn, das Deutschland mit 3:2 gewann und zum ersten Mal Weltmeister wurde. Auf der Rückseite werden die Aufnahmen ausführlich erläutert – für Manfred Thoms mit seinen acht Jahren damals die wesentliche Informationsquelle.

Thoms' WM-Tipp

Klar hatte er über seine Eltern und Klassenkameraden mitbekommen, wie sich Rahn & Co meisterlich durch das Turnier kickten, aber viele Bilder bekam er nicht zu sehen. Das wurde dann mit den Vogelsang-Kärtchen aufgeholt.

64 Jahre später wird er die Fußball-WM auf dem heimischen Sofa vor dem Großbildfernseher verfolgen. Thoms’ Tipp: Frankreich schlägt Deutschland im Finale, auf Platz drei und vier sieht er Spanien und England.

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