Fünf Jahre für Vergewaltiger

Nächtliche sexuelle Übergriffe auf zwei Flensburgerinnen: 1. Strafkammer spricht 26-Jährigen schuldig

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13. Januar 2018, 07:00 Uhr

Zwei Taten, fünf Jahre. Ibrahim G. hatte sich ein besseres Ergebnis erhofft, hatte auf Rat eines bereits verurteilten Vergewaltigers kein Geständnis abgelegt und gesagt: „Ich kann mich nicht erinnern!“ Nicht erinnern konnte sich der 26-Jährige an eine Vergewaltigung im Fleno-Park am 20. Juni letzten Jahres und einen sexuellen Übergriff in Tateinheit mit sexueller Nötigung am 2. Juli in einem Gebüsch am Deutschen Haus. Doch die 1. Große entschied auf schuldig.

Beide Taten hatten für Unsicherheit in der Altstadt gesorgt. Am 20. Juni war Ibrahim G. einer 20-jährigen Flensburgerin gefolgt, die nachts von einem Treffen mit Freunden im Beachclub zu ihrer Wohnung im Johannisviertel gegangen war. G. folgte ihr wie ein Schatten, die junge Frau gab in ihrer Zeugenaussage einen beklemmenden Bericht über die Verfolgung durch dunkle Straßen und die Tat.

Das zweite Opfer hatte G. ebenfalls aus dem Dunkel heraus attackiert. Sie wurde an der Friedrich-Ebert-Straße nahe dem Deutschen Haus in eine dichte Hecke gezogen. Glück für sie, dass eine zweite Frau ihr zur Hilfe eilte und sie gemeinschaftlich Ibrahim G. in die Flucht schlugen. Ein Glücksfall für die Kripo, dass G. dabei sein Handy verlor. Zwei Tage später war er identifiziert und saß in U-Haft.

All das war ihm am ersten Verhandlungstag nicht mehr geläufig. Ihn beeindruckte nicht, dass er an beiden Tatorten genetische Fingerabdrücke zurückgelassen hatte. Unter den Fingernägeln seiner Opfer, an einer Bierflasche, die er in der ersten Tatnacht im Fleno-Park zurückließ. Ihn beeindruckte nicht, dass der Kammervorsitzende ihm eine Brücke zu einer weniger harten Strafe zu bauen versuchte, dass sein Strafverteidiger ihn beschwor, reinen Tisch zu machen, den beiden noch zu hörenden Opfern die Aussage zu ersparen, die Folgen zu bedenken – auch für sich selbst. „Sie werfen zwei Jahre weg!“, drängte sein Pflichtverteidiger. Es half alles nichts. Ibrahim G. setzte lieber auf den Rat eines bereits verurteilten Häftlings und nicht auf seinen Anwalt.

Das Gericht war am Ende von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Nicht nur wegen der Spuren, die G. zurück ließ, auch wegen der Aussage beider Frauen. Besonders die Schilderung des ersten Opfers war von beklemmender Intensität. Von Weinkrämpfen geschüttelt, aber klar und glaubhaft hatte die 26-Jährige diesen Albtraum aufgerufen. Beginnend mit der schemenhaft wahrgenommenen Verfolgung, der wachsenden Furcht, der Gewissheit, was unausweichlich geschehen würde und schließlich mit der Tat, die ihre Freundin im Beach-Club am Smartphone mit anhören konnte. Das Opfer hatte noch geistesgegenwärtig auf Senden gedrückt, bevor Ibrahim G. über sie herfiel.

Für die Kammer war es dieser heimtückische Angriff aus dem nächtlichen Dunkel, der eine strafschärfende Qualität entfaltete, auch, dass G. rein willkürlich ihm wildfremde Menschen attackierte, dass sein Übergriff im Fall des ersten Opfers noch heute schlimme Folgen hat. Das Leben dieser Frau hat sich komplett verdunkelt, die Aufarbeitung der seelischen Schäden wird viele Jahre dauern. Sie selber meinte: „Ich bin nur noch ein Wrack!“ Dass der weiße Ring in ihrem Fall von einer sofortigen therapeutischen Behandlung abriet („Man sagte mir, ich soll bis zum Ende des Prozesses warten.“) sorgte nicht nur am Richtertisch für Stirnrunzeln. Die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre und drei Monate Haft gefordert, die Verteidigung, drei Jahre und zwei Monate. Sie will in Berufung gehen.

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