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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 00:41 Uhr

Friedensbotschaft eines Brückenbauers

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Leise Klarinettentöne klingen durch die vollbesetzte Marienkirche – Giora Feidman durchschreitet den Raum langsam von hinten, wendet sich konzentriert den Besuchern zu, bevor er vor das Mikrofon tritt und die Anwesenden begrüßt. Die vier Musiker des „Rastrelli Cello Quartett“ sitzen derweilen vor ihren polierten Musikinstrumenten und warten auf den Einsatz des Meisters. Dieser jedoch bittet zuerst einmal das Publikum um Einsatz und einen sehr langen Ton.

In das minutenlang weit in das hohe Kirchenschiff schwingende A fädelt sich Giora Feidman mit einer melancholischen Klarinetten-Improvisation ein, auf deren Höhepunkt die Cellisten das Stück mit sanftem Strich übernehmen.

Es sind kostbare Momente eines innigen Dialoges, die das zweistündige Konzert durchziehen, denn der weltbekannte Musiker versteht es durch die Musik und Ansprache, 450 Menschen zu verzücken, in tiefe Ernsthaftigkeit oder beschwingten inneren Tanz zu versetzen. Die Übergänge sind fließend gestaltet, und Giora Feidman nutzt musikalische Feinheiten wie Verzögerung oder Glissandi, die Kraft des betont leisen Spiels, um alle Gefühlszustände so intensiv wie möglich auszukosten. Genregrenzen, ob Klassik, Klezmer oder Jazz, spielen bei ihm keine Rolle, denn er ist ein musikalischer Brückenbauer, dem keine Abgründe zu tief sind.

Nicht weniger virtuos präsentiert sich das russische Quartett, welches sich nach dem italienischen Architekten Bartholomeo Rastrelli benennt, der einst St. Petersburg bauen wollte. Mit großer Spielfreude stürzen sie sich furchtlos in waghalsige Solopartien, reizen alle unverstärkten Klangmöglichkeiten des Violoncello aus und tauschen die Rollen so schnell, dass es hör- oder sichtbar kaum nachzuvollziehen ist. Kontrollierte Leidenschaft pur und dies nicht nur in den furiosen, rhythmisch schwierigen Partien. Seidenklang auch im lang gestrichenen Unisono-Spiel oder in fröhlich gezupfter Begleitung.

Grundlage des vielseitigen Programmes „Klezmer-Bridges“ bilden die Arrangements von Sergio Drabkin, der mit raffinierten Akkorden und Rollenverteilungen auch aus einfachen Spirituals ein Kunstwerk schafft. So gelingt auch die Verbindung dreier Nationalhymnen (deutsch, palästinensisch und israelisch) zu einem Stück, in dem sich bekannte und unbekannte Melodien mischen. So gelingen der Jazz-Standard „Take Five“ und der Beatles-Song „When I’m 64“ als augenzwinkernder Abschluss.

Giora Feidman, dieser zutiefst menschliche Musiker, feuert seine Begleiter an und äußert seine Dankbarkeit, sich über alle Religionen hinweg in einer Sprache spontan und unmittelbar mitteilen zu können. Seine Botschaft ist Frieden und Versöhnung, und ins Friedenslied stimmen alle ein. Für die Musiker ist dieser Abend damit nicht beendet. Sie befinden sich auf einer monatelangen Tournee und fahren noch am selben Abend weiter zum nächsten Ort.

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