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Thora-Rolle : Freudentag für die jüdische Gemeinde

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Den Festzug mit neuer Thora-Rolle vom Flensborghus ins Gemeindezentrum an der Toosbüystraße erlebten auch internationale Besucher.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2014 | 10:00 Uhr

Autofahrer mussten stoppen; Passanten hielten interessiert inne: Gestern Nachmittag – bei strömendem Regen – bewegte sich ein ungewöhnlicher Festzug mit musikalischer Begleitung, Gesang und Tanz durch die Norderstraße. Unter einem Baldachin wurde in traditioneller Weise eine geschmückte Thora-Rolle in einer fröhlichen Prozession in das jüdische Gemeindezentrum an der Toosbüystraße getragen. Die Thora ist als wichtigster Teil der hebräischen Bibel die Heilige Schrift des Judentums. Sie enthält 248 Gebote und 365 Verbote.

Es ist die zweite Thora-Rolle der jüdischen Gemeinde in Flensburg, und es ist eine mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Sie ist etwa 180 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Böhmen. Im fränkischen Fürth, der sogenannten „Muttergemeinde“ der Juden Bayerns, diente sie viele Jahrzehnte zu Gottesdienstzwecken.

Die kostbare Schriftrolle wurde 1938 im Zusammenhang mit den Novemberpogromen vor der Zerstörungswut der Nationalsozialisten dadurch bewahrt, dass sie zusammen mit weiteren Rollen aus Pergament von Mitgliedern der dortigen Gemeinde vergraben wurde. Als die Thora-Rollen nach dem Kriege geborgen wurden, musste festgestellt werden, dass Feuchtigkeit, Frost und Schmutz deutliche Spuren hinterlassen hatten, so dass sie nicht mehr für den Gottesdienst verwendet werden konnten.

Jetzt aber, Jahrzehnte später, werden mehrere der einst vergrabenen und damit gerettete Thora-Rollen zu neuem Leben erweckt. Zu diesem Zweck hat der Unternehmer Leonard Wien jr. aus Miami in Florida zum Gedenken an seine im Holocaust ermordeten Familienmitglieder ein „Tora-Project“, wie er es nennt, gegründet, mit dem er dafür sorgt, dass die historischen Rollen nach und nach in den USA aufwändig und fachmännisch restauriert werden, um sie anschließend besonders rührigen jüdischen Gemeinden in Deutschland zu stiften.

Leonard Wien war in Begleitung von Rabbiner und Thora-Schreiber Steve Karro eigens aus den USA angereist, um der Einbringung der neuen alten Thora-Rolle in Flensburg beizuwohnen. Auch Rabbiner aus Montreal (Kanada), Berlin, Fürth, Brandenburg, Osnabrück und Hamburg waren deswegen nach Flensburg gekommen. Sie alle begleiteten zusammen mit Mitgliedern und Freunden der Gemeinde die Thora-Rolle auf dem Weg von Flensborghus zum Gemeindezentrum.

„Heute ist ein Freudentag für die jüdische Gemeinde Flensburg, die dankbar ist für das wunderbare Geschenk“, sagte die Vorstandsvorsitzende Elena Sokolovsky, deren Engagement für die mittlerweile 15 Jahre alte Gemeinde von den Festrednern wiederholt gewürdigt wurde. Sokolovsky stehe einer lebendigen Gemeinde vor, die in bemerkenswerter Weise den offenen Dialog mit der Stadtgesellschaft pflege, hob Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar hervor.
Bevor die neue alte Schriftrolle unter der Chuppa in einem fröhlichen Umzug in das Gemeindezentrum getragen wurde, schrieben Mitglieder der Gemeinde und hochrangige jüdische Gäste einschließlich Stifter Leonard Wien aus Miami die letzten der insgesamt 304 805 hebräischen Buchstaben in die große Pergamentrolle – geduldig assistiert und überwacht von Thoraschreiber Karro. Denn jeder noch so kleine Fehler macht eine Thora-Rolle unbrauchbar.



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