Neobiota : Fremdlinge im Vorgarten

Niedlich oder gefährlich? Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar und Minister Robert Habeck mit einem klassischen Vertreter der Einwanderer – dem Waschbären.
Niedlich oder gefährlich? Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar und Minister Robert Habeck mit einem klassischen Vertreter der Einwanderer – dem Waschbären.

Mit seiner neuen Ausstellung geht das Naturwissenschaftliche Museum seinen Weg zur Umweltbildungseinrichtung konsequent weiter.

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17. März 2014, 15:00 Uhr

Austern im Wattenmeer, Heiliger Ibis als heimischer Brüter oder großer Bärenklau am Wegesrand – Umweltminister Robert Habeck bringt es auf folgende Frage: „Was können wir in einer globalisierten Welt als unsere heimatliche Natur bezeichnen?“ Oder: Wie forsten wir nach den Orkanschäden unsere Wälder wieder auf? Oder polemisch: Wie viele Waschbären sollen wir totschlagen, um unsere Singvögel zu schützen? Nach den ersten Brosamen, die der Grünen-Minister dem Publikum zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Neobiota – Aliens im Vorgarten“ vorsetzt, ist klar: Es sind höchst politische Fragen, mit denen das Naturwissenschaftliche Museum seit gestern die ökologische Debatte in Schleswig-Holstein bereichert.

Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar wagt zunächst einen kleinen Rückgriff in die jüngste Geschichte, als sie daran erinnert, dass die Ratsversammlung trotz leerer Kassen vor knapp zwei Jahren beschloss, dass das Naturkundemuseum erhalten bleibt. Und um Leben und Überleben gehe es schließlich auch in der Ausstellung – Leben in einer Welt, die sich permanent wandelt. Krätzschmar wünscht der Ausstellung volle Räume und viele Schulklassen – und versprach weitere Unterstützung des Museums auf seinem Weg zur Umweltbildungseinrichtung.

Museumsleiter Werner Barkemeyer erinnert daran, dass die fünf Monate gelaufene Evolutionsausstellung, die immerhin mehr als 30 Schulklassen aus Flensburg und der Region besucht hatten, zwischen vergangenem Montag und diesem Wochenende verschwunden sei und den Aliens im Vorgarten Platz gemacht habe: „Natürlich muss sich ein modernes Naturkundemuseum auch solche Fragen stellen.“

Gestern berichteten die Ausstellungsmacher, Alienforscher Tom Steinlein von der Uni Bielefeld und Norbert Niedernostheide vom Osnabrücker Museum am Schölerberg, von dem einen oder anderen Fremdling: zum Beispiel vom Heiligen Ibis, einem Einwanderer aus Afrika, der seit vergangenem Jahr als Brutvogel in Deutschland aktiv ist und das Zeug dazu hat, bis 2050 auf 1200 Brutpaare zu wachsen. Oder vom giftigen großen Bärenklau, bei dem mit wachsender Sonneneinstrahlung zunehmend Vorsicht geboten ist. „Der Bärenklau löst den Sonnenschutzfaktor auf der Haut auf“, berichtete Niedernostheide. Nur wer diesem Alien nachts begegne, dem geschehe nichts.

Die Ausstellungsmacher hoffen jedenfalls auf viele kleine Erkenntnisse: „Vielleicht hat man nach dem Museumsbesuch begriffen, dass Abfälle aus dem Garten nicht in den Wald gehören.“ Damit spielt Niedernostheide zum Beispiel auf die Traubenkirsche an, die seit dem späten 17. Jahrhundert bereits unsere Wälder heimsuche.

Von 45 000 Tierarten in Deutschland hätten 1350 hier im Grunde nichts zu suchen. Dazu zählen der asiatische Marienkäfer, die Rosskastanien-Miniermotte oder die rotbraune Spanische Wegschnecke. Manch ein ungebetener Gast finde als Blinder Passagier im Handgepäck nach Deutschland. Andere seien von Anglern, Jägern, Imkern oder Förstern ins Land geholt worden.

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