zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 10:51 Uhr

Frauenmahl und Luthers Geist

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 31.Okt.2014 | 12:49 Uhr

Martin Luther hätte am diesjährigen Vorabend des Reformationstages seine wahre Freude gehabt an den Tischgesprächen in der Friedenskirche Weiche. Zum Thema „Hier stehe ich – ein guter Ort zum Leben“ hatte das Evangelische Frauenwerk zum 1. Flensburger Frauenmahl geladen. 24 Gastgeberinnen deckten die Tische vor 130 Gästen feierlich nach eigenem Geschmack mit ihrem Geschirr ein.

Vor jedem der Gänge des anschließenden Menüs inspirierte eine der fünf Rednerinnen aus Politik, Tourismus, Kultur, Recht und Kirche die Gäste zum gemeinsamen Schnack über Mensch und Ort. Flensburgs aus Brasilien stammende Stadtplanerin Claudia Takla Zehrfeld schätzt die Familie als Keimzelle. Hier lernen die Menschen zu teilen, sich verantwortlich zu fühlen, zu lieben, geliebt zu werden und Werte wie Vertrauen, Zuverlässigkeit und Toleranz. Zehrfeld freut sich, Teil Flensburgs zu sein. Ihr guter Ort. „Dieser Ort ist meine Heimat geworden.“

Ilka Thomsen empfing poetisch: „Wo Brot und Salz sind, da ist Leben! Brot und Salz zu teilen, stiftet Gemeinschaft. Es ist die Einladung zu einem verbindenden Mahl.“ Auf Kreta sage man: „Befolge den Rat von Alten und Verheirateten. Sie haben viel Brot und Salz gegessen.“

Bente Sprenger aus Langballig weiß, ihre Pensionsgäste suchen einen guten Ort. Ein 19-jähriges Mädchen, das seit dem 13. Lebensjahr an Depressionen litt, schrieb in ihr Gästebuch, es fühle sich in der Alten Landschule so an, „als würde einem jeden Tag jemand über den Kopf streichen.“ „Ich denke, besser kann man einen guten Ort nicht beschreiben.“

Dr. Christine Fuchsloch, Präsidentin des Landessozialgerichts erwähnt, Schleswig-Holstein steht in der Lebenszufriedenheit der Menschen auf Platz 1, auch wenn nicht in den Einkommen. „Ein guter Ort“, sagt sie, „ist, wo man gut leben kann, weil es auch anderen gut geht.“ Deutschland sei im internationalen Vergleich sozial weniger ungleich aufgestellt.

Die Flensburger Autorin Susanne Brandt erinnert an eine jüdische Studentin in Amsterdam 1941. „Meine innere Landschaft besteht aus großen, weiten Flächen“ steht in ihrem 1943 in Ausschwitz endenden Tagebuch. Denn „auch über dem einzigen Weg, der uns verblieben ist, wölbt sich der Himmel“. „Unter einem weit gespannten Himmel auf Erden – hier stehe ich“, sagt Susanne Brandt.

Die langjährige Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche Fanny Dethloff weiß, Menschenrechtsarbeit in Frauenhaus, Gerontopsychiatrie, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, Gefängnisseelsorge hat mit Luthers „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“ zu tun. Flüchtlinge brauchen Schlafhallen und Gemeinschaftsräume. „Es geht um Halt und Haltung. Halt, den jemand zwischendurch einmal verliert, und Haltung, die zu mehr Halt führt.“ Die Bibel sei ein Buch der Migranten. An Orten der Ohnmacht erwachse Spiritualität. „Es ist Zeit aufzustehen. Hier stehe ich“, endet sie.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen