Luftbildserie : Fördewald: Am Grünen und im Stillen

Reihenhäuser im Bauhausstil und Einfamilienhäuser sind typisch 'Am Fördewald'. Foto: staudt
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Reihenhäuser im Bauhausstil und Einfamilienhäuser sind typisch "Am Fördewald". Foto: staudt

Karl-Heinz Ritzmann war einer der ersten Hausbesitzer im 1976 entstandenen Wohngebiet "Am Fördewald", einem Idyll am östlichen Stadtrand

shz.de von
27. August 2011, 05:10 Uhr

Flensburg-Fördewald | Schon 1976 behaupteten die Bauplaner: "Grundstücke in so hervorragender Lage sind in den letzten Jahren zu einer Rarität geworden." Karl-Heinz Ritzmann (66) hat die alte Broschüre aufgehoben, die Details über das Neubaugebiet namens "Am Fördewald" im Osten Flensburgs enthält. Doch scheiden sich die Geister, was genau der Fördewald meint: Während manche den Wald im nördlichen Solitüde so nennen, bezeichnen andere ebenfalls den benachbarten Tremmeruper Forst so. Auch das Naturschutzgebiet "Twedter Feld" grenzt an, gehört irgendwie dazu und beherbergt vielfältige Flora und Fauna, weil das ehemalige Militärgebiet ein Jahrhundert von der Öffentlichkeit verschont blieb, wie eine Infotafel festhält.

Fest steht, dass der Wald vor seiner Haustür "die Stadtgrenze markiert", sagt Karl-Heinz Ritzmann. Er war einer der ersten, der sich im Baugebiet "Am Fördewald" zwischen den Parallelstraßen Fördestraße und Tremmerupweg einen Traum erfüllte. Seine Frau und er wünschten sich eine gute Verkehrsanbindung, Stadtrandlage und ein Leben wie auf dem Lande zugleich. Weil Ritzmanns Haus zunächst nach Süden statt nach Südwesten geplant war, ließ er es "drehen", erzählt er schelmisch. Ansonsten gab es nichts zu nörgeln: "Ich habe nach dem Einzug keine einzige Beanstandung gehabt", sagt der gebürtige Bayer und lobt die Lage. In drei Minuten sei er im Wald, in fünf Minuten gelange man nach Solitüde und ans Wasser. Er könne die Förde auch sehen - wenn er sich auf die Garage stelle, fügt er verschmitzt hinzu. Mindestens jeder zweite Sonntagsspaziergang führt die Ritzmanns - deren Kinder aus dem Haus sind, die aber immer gern freie Tage daheim verbringen - für zwei Stunden in den Wald über Meierwik nach Solitüde bis Fahrensodde und hoch zum Fördewald. Den schönsten Flecken im Viertel identifiziert Ritzmann ohne Zögern: "Meine Terrasse", sagt er und lacht schon wieder.

Die Marine sandte den Fürther nach Norden; seit 1968 ist er in Flensburg. "Ich hatte das große Glück, immer hier zu bleiben." Drei Dekaden später war seine Marinezeit vorbei. Kurz darauf begann der Flensburger, freie Zeit dem "Weißen Ring" zu widmen. Seit sechs Jahren leitet er die Flensburger Außenstelle der Einrichtung, die Opfern von Straftaten hilft.

Friedlich wirkt die Nachbarschaft. Nicht einmal eine Kneipe oder ein Kiosk könnten die Idylle des reinen Wohngebiets stören. Nur früher, als die Bundeswehr noch Gebrauch vom Schießplatz zwischen Tremmerupweg und Mühlenbek machte, wurde es auch mal laut am Fördewald. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, am 6. Mai 1945, geschah dort etwas, das heute einer Straße, die zum Fördewald führt, ihren Namen gibt. Auf dem Anhängsel zum Schild für den Asmus-Jepsen-Weg steht zur Erklärung: "Flensburger Opfer der NS-Marinejustiz; hingerichtet auf dem Schießplatz Twedter Feld". Der Kapitänleutnant aus Fruerlund hatte von Karl Dönitz, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht nach Hitlers Tod, die Weisung erhalten, den Sonderzug "Auerhahn" nach Flensburg zu überführen. In Eckernförde gab es eine Verzögerung, wie der Flensburger Dieter Pust in seinem Straßennamenbuch schreibt. Zugleich stand "die kampflose Übergabe" der Stadt bevor. Da Jepsen den Krieg "richtigerweise" für verloren hielt und die "weitere Gefährdung der ihm anvertrauten Soldaten als unverantwortlich" erachtete, durften die Soldaten sich in ihre Heimatorte durchschlagen. Laut anderer Quellen ist sogar eine Meuterei denkbar als Grund dafür, dass der Zug letztlich ohne Besatzung und Fracht am Ziel ankam. Jepsen wurde wegen "Fahnenflucht im Felde in Tateinheit mit Dienstpflichtverletzung aus Furcht und Plünderung" zum Tode verurteilt, zitiert Pust das Urteil des Marine-Standgerichts.

Längst ist auch der frühere Schießplatz bebaut und Ruhe eingekehrt. "Als wir einzogen, waren wir junge Leute", erinnert sich Karl-Heinz Ritzmann und dass nahezu jede Familie Kinder hatte. Für die Kleinen legten die Bauherren eine Spielwiese am Waldrand an. Und auch die Kreuzung "war früher Spielecke für alle". Sowohl hier als auch dort tummeln sich heute nur noch selten Kinder. "Wir sind mit den Häusern alt geworden." Während der Satz verklingt, schiebt Karl-Heinz Ritzmanns Frau die Terrassentür auf, und ein Enkelchen rollt sich drinnen auf dem Boden und robbt mit Wonne der Sonne draußen entgegen.

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