Schwammbefall in Flensburg : Flugstunde für ein Gerichtsdach

Identifiziertes bekanntes Flugobjekt: Der Turm-Dachstuhl am Haken.
Identifiziertes bekanntes Flugobjekt: Der Turm-Dachstuhl am Haken.

Das vergammelte Oberteil des Uhrenturms landete gestern per Kran im Gerichtshof. In zwei Wochen wird eine Kopie montiert.

shz.de von
30. Juli 2014, 07:00 Uhr

Das markanteste Bauwerk der Westlichen Höhe absolvierte gestern im blauen Sommerhimmel ein schwungvolles Flugmanöver, das erste überhaupt in seiner 132-jährigen Geschichte: Um 8.30 Uhr hob der Dachstuhl des Uhrenturms am Landgericht ab. 40 Meter hoch, am Kranausleger fest vertäut, segelte das tonnenschwere Gebäudeteil ein Stück durch die Luft, um dann punktgenau im engen Gerichtshof abgesetzt zu werden. Man hätte applaudieren können, beließ es am Boden aber bei erfreuten Gesichtern. „Das hat doch hervorragend geklappt“, strahlte Horst Kohwitz, der die Großbaustelle Landgericht mit seinem Kollegen Ingo Riedel für das Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH) betreut.

Der Hausschwamm ist schuld. Der Flensburger Regen und der Nagelkäfer auch. Gemeinsam haben sie dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude aus wilhelminischer Zeit gewaltig zugesetzt. Das kam aber erst heraus, als die GMSH-Fachleute hinter die Tapete guckten, um den Ursprung leichter Leckagen zu erkunden. „Da ergab sich ein erschreckendes Bild“, so Thiele. Der Hausschwamm hatte sich flächendeckend ausgebreitet, der gesamte Dachstuhl war morsch.

Seit Juni vergangenen Jahres wird am Südergraben saniert. Jetzt soll, rechtzeitig vor dem Winter, das Dach wieder geschlossen werden – mit einer exklusiven Lösung für das Uhrenhaus. Dessen nicht zuletzt auch wegen der exponierten Lage hoffnungslos verrotteter Dachstuhl wird im Gerichtshof neu gebaut, eingedeckt und per Kran wieder an seine Stelle befördert. „Das schien uns einfacher zu sein – und sicherer“, sagt Kohwitz. In zwei Wochen soll die acht Meter hohe Konstruktion (auf einer Grundfläche von neun mal neun Metern) fertig sein. Einschließlich des zentralen Flaggenmastes, des „Kaiserstiels“, der die gesamte Konstruktion trägt.

Dass fortan hoch über dem Südergraben die Schleswig-Holstein-Fahne weht, hält Landgerichtspräsident Dr. Volker Willandsen allerdings für eher unwahrscheinlich. „Das ist so eng, da schicke ich niemanden rein. „ Das konnten vielleicht seine fernen Vorgänger – zu Kaisers Zeiten. „Da lief’s auch im Gericht nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam.“ Weil aber dieses Prinzip im Landgericht keine Zukunft hat, kann sich Willandsen bestenfalls ein Ereignis zum Flaggezeigen vorstellen: „Wenn die SG Flensburg-Handewitt im nächsten Jahr wieder die Champions League gewinnt“, sagt er. „Dann zieh’ ich die Flagge aber persönlich hoch.“

Das könnte klappen, denn bis zum Finale im nächsten Frühling ist die Sanierungskolonne fertig. Wenn das Uhrentürmchen wieder komplett ist, wird das Dach gedeckt – diesmal mit Naturschieferplatten (statt Kunststoff) und mit der Original-Ornamentik von 1882.

Andere Originale aus der Bauzeit werden, wenn das Gebäude saniert ist, einen würdigen Platz im kleinen Museum des Landgerichts finden. Bei den Abbrucharbeiten stießen die Handwerker auf einen Dachbalken mit einer Nachricht an die Nachwelt. Mit feiner Bleistiftschrift hatten sich Otto Hoerig aus Naunhof bei Leipzig und Herrmann Voss aus Holstein verewigt. Und zwar am 12. April 1881. Den Artikel aus der Tageszeitung hatten die beiden Handwerker ebenfalls aufgehoben und mit zwei Nägeln an den Sparren genagelt. Ob die Flens-Flaschen, die ebenfalls gefunden wurden, ein Fall fürs Museum sind, weiß Hausherr Willandsen noch nicht so recht. „Die dürften aus den 60er-Jahren stammen, als das Dach zuletzt neu eingedeckt wurde.“

Wenn die Dachdecker mit ihrer Arbeit fertig sind, ist die Sanierung des Landgerichtes noch nicht abgeschlossen. Im nächsten Bauabschnitt sollen die Räume im vierten Obergeschoss vom Hausschwamm befreit werden – dazu muss das Familiengericht in zehn Containern im Innenhof provisorisch untergebracht werden. Nach gegenwärtigem Wissensstand soll die Sanierung damit abgeschlossen sein – falls kein neuer Schwammbefall festgestellt wird.

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