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Flensburger Tageblatt

18. Oktober 2017 | 21:17 Uhr

Flüchtlingspaten treten auf der Stelle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drei junge Flensburger organisieren aus dem Nichts mehr als 40 Freiwillige – doch die Stadt kann den Kontakt nicht herstellen

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2015 | 07:54 Uhr

Ihre Hilfe dürfte hochwillkommen sein: 40 Freiwillige und mehr würden lieber heute als morgen ihre Arbeit als Flüchtlingspaten aufnehmen. Doch die unter dem Dach der Flüchtlingshilfe agierenden Akteure haben aber ein Problem. „Wir haben zwar die Paten, aber wir kommen nicht an die Flüchtlinge!“, sagt Alexandra Dierksen (26), die das Projekt mit Yentl Bylda (26) und Nino Domingues Silva (25) vor kurzem erst aus der Taufe gehoben hat. Die Stadt verfügt zwar über alle erforderlichen Daten – doch als Relais für die Flüchtlingshilfe taugt die Verwaltung nicht. Die Koordinationsstelle der Stadt ist noch im Aufbau.

Der Campus führte sie zusammen. Dierksen, Bylda und Silva lernten sich Anfang September auf einer Informationsveranstaltung kennen und beschlossen, aktiv zu werden. „Wir wollen das Rad nicht neu erfinden“, sagt die Informatik-Studentin Dierksen. „Aber wir wussten, dass es Flüchtlingspaten in Flensburg noch nicht gibt.“ Sie kam selbst Anfang der 90er Jahre mit dem Treck der russischen Spätaussiedler in Deutschland an. Sie weiß, wie sich das anfühlt, fremd zu sein.

Seit der gemeinsamen Verabredung ist das Trio weit gekommen. In ihrer Kartei sind mittlerweile über 40 handverlesene Paten. „Einige Patenschaften werden bereits gelebt“, sagt Dierksen. Aber das Projekt will noch weiter in die Tiefe gehen, und deshalb sind die Drei von der Flüchtlingshilfe an einer engen Zusammenarbeit mit der Stadt interessiert. „Wir möchten auch die Menschen erreichen, die schon eine eigene Unterkunft gefunden haben. Aber an die kommen wir nicht ran.“

Die Flüchtlingspaten verstehen sich als niederschwelliges Angebot. „Wie die Beziehung inhaltlich gestaltet wird, ist offen“, sagt Dierksen. Das ehrenamtliche Angebot ist darauf angelegt, den Menschen beim „Anwachsen“ in Flensburg zu helfen. „Die Paten sind nicht für die Lösung rechtlicher Probleme, für die Wohnungssuche oder sonstige Angelegenheiten zuständig, die bei den Behörden liegen. Wir haben die freie Zeit dieser Menschen im Blick. Sie wollen einfach nur an der neuen fremden Gesellschaft teilhaben. Dazu braucht es auf Seiten der Paten nicht viel: Geduld, ein offenes Ohr, Freundlichkeit.“

Über Steckbriefe will die ehrenamtliche Organisation geeignete „Paare“ zusammenbringen. Dazu ist auch die Hilfe der Flüchtlinge erforderlich – deshalb sind Dierksen, Bylda und Silva so stark daran interessiert, in den Verteiler der Stadtverwaltung zu kommen. „Überall, wo es dort eine Schnittstelle gibt, möchten wir auch präsent sein – Flyer sind in Vorbereitung.“ Die Initiative ist nachsichtig mit der immer wieder arg gescholtenen Verwaltung. „Die Lage ist teilweise chaotisch. Die Stadt kann dieses Problem nicht alleine lösen.“

Um noch effektiver zu werden, benötigt die Initiative nicht nur den Zugang zu den Neu-Flensburgern, sie braucht auch eine Schnittstelle, die bei komplizierteren Sachverhalten hilft – am besten angesiedelt bei der Verwaltung. „Ideal wäre auch ein größeres zentral gelegenes, leicht erreichbares Büro für zwei Arbeitsplätze und mit Raum für Informationsveranstaltungen“, wünscht sich die Verlagskauffrau Yentl Bylda. Ein dringlicher Wunsch, denn ab den ersten 20 Patenschaften will die kleine Initiative regelmäßige Informationsveranstaltungen anbieten, eventuell auch ein kleines Café aufmachen. Zur Zeit geschieht alles am heimischen PC oder in Räumlichkeiten, die die baptistische Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt hat.

Die Stadt ist zuversichtlich, für das Ehrenamt bald erreichbar zu sein. „Wir arbeiten unter Hochdruck daran, dass bestehende Strukturen verbessert werden“, sagt Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. Mit Diana Gaida sei Anfang des Monats eine Koordinatorin eingestellt worden, die sich jetzt einen Überblick verschafft. Viel Zeit hat sie nicht, denn aktuell stehen fast 800 Flüchtlingen vier Betreuer gegenüber. Und der Betreuungsschlüssel wird nicht besser. Bis Ende des Jahres sollen 1200 Menschen in Flensburg eine längerfristige Zuflucht gefunden haben. Zahlen, die auf eine schnelle Kooperationsvereinbarung mit den Ehrenamtlichen hoffen lassen. Aber die müssen sich vorerst wohl weiter tatenlos im Kreise drehen. Die offizielle Hotline der Stadt verweist bei Fragen nach Patenschaften direkt an die Flüchtlingshilfe. „Die bereiten da wohl was vor. . .“

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