Mahnmale : Flüchtlingsgräber auf dem Campus

Bewusstsein schaffen: Die Zehntausenden, die beim Versuch nach Europa zu fliehen starben, sind in Flensburg nicht länger unsichtbar.
Bewusstsein schaffen: Die Zehntausenden, die beim Versuch nach Europa zu fliehen starben, sind in Flensburg nicht länger unsichtbar.

Zu makaber? Zwei Mahnmale sollen Kritik an Europas Politik üben und die Toten im Mittelmeer in den Fokus rücken.

shz.de von
23. Juni 2015, 14:30 Uhr

Flensburg | Wenn das Wetter mitspielt, ist das große Wiesengelände auf dem Campus voll mit Studierenden, die die Pausen zwischen den Veranstaltungen bei einem Kaffee im Freien genießen. Seit Montag gehören zu dem eben gezeichneten, idyllischen Bild zwei Gräber. Eines für eine erwachsene Person und ein Kindergrab direkt daneben. Auf einem der hölzernen Kreuze prangt die Inschrift „Grenzen töten – in Gedenken an über 20  000 tote Menschen im Mittelmeer“.

„Die Gräber sind ein Zeichen des Protests gegen Europa als Festung“, sagt Stefan Brüggemann, der die Aktion auf dem Flensburger Campus angestoßen hatte. Er und weitere Mitglieder des Gemeinschaftsgartens auf dem Universitätsgelände wollten sich für mehr Anteilnahme stark machen. Anteilnahme an den mittlerweile zehntausenden Flüchtlingsschicksalen, die an den Grenzen der Europäischen Union durch Ertrinken oder Verdursten enden.

Bereits in den vergangenen Wochen hatten Menschenrechtsaktivisten des „Zentrums für politische Schönheit“ in Berlin immer wieder für Aufsehen gesorgt, als sie auf den Rasenflächen im Regierungsviertel symbolische Gräber aushoben. Diese sollen an die Menschen erinnern, die bei dem Versuch ihre Heimat zu verlassen, um nach Europa zu fliehen, gestorben sind. Ziel der Organisation sei es auch, Flüchtlingsleichen, die in menschenunwürdigen Massengräbern verscharrt wurden, in Würde und ihrem jeweiligen Glauben entsprechend zu bestatten.

Die zwei mit Blumen und Kerzen geschmückten Gräber, die zwischen Hauptgebäude und Erweiterungsbau aufgeschüttet wurden, sind jedoch keine echten Gräber, sondern vielmehr Mahnmale. „Mit künstlerischen Mitteln wird hier auf die aktuellen Probleme an den Außengrenzen der EU aufmerksam gemacht und deren Tragweite verdeutlicht. Damit werden sicherlich wichtige Diskussionsprozesse auch auf dem Campus angestoßen“, sagt Uni-Pressesprecherin Kathrin Fischer. Das Präsidium sei ohnehin für das Thema sensibilisiert – Monika Eigmüller, Vizepräsidentin für Europa und Internationales, war zunächst für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR tätig. Vor dem Hintergrund der Erstaufnahme-Einrichtung für bis zu 600 Flüchtlinge, die schon im kommenden Jahr auf dem Campus entstehen soll, sind die Bemühungen, Toleranz und Offenheit gegenüber Flüchtlingen zu demonstrieren, gerade besonders groß.

Den Vorwurf, die Aktion sei zu makaber, lässt sich Brüggemann nicht gefallen: „Ich denke, das muss man auf zwei verschiedenen Ebenen betrachten – Gedenken und Anteilnahme an den Schicksalen stehen in keinem Widerspruch zu einer Willkommenskultur“. Und selbstverständlich solle die Form des Mahnmals für möglichst viel Aufmerksamkeit und Interesse an dem Politikum sorgen. Auch Kathrin Fischer, die sich die Gräber mit Kolleginnen gemeinsam aus der Nähe angeschaut hatte, fand „die Umsetzung ganz berührend“. Brüggemann ist ein Mensch der Tat: Um Erlaubnis gefragt hatte er nicht. Doch die gute Sache gibt ihm recht.

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