zur Navigation springen

Knöllchen für Ehrenamtler : Flüchtlingschaos am Bahnhof: Flensburg sahnt ab

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tausende Flüchtlinge, Hunderte Helfer, keine Parkplätze und Knöllchen: Ehrenamtliche Teams sind sauer auf die Stadt.

shz.de von
erstellt am 15.Sep.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Seit Flüchtlingskrise ist, ist in Deutschland nichts mehr wie es vorher war. Wo Deutschland einstmals sehr, sehr amtlich war, herrscht – vorübergehend zumindest – schönstes französisches Laissez-faire. Das mag damit zusammenhängen, dass Kanzlerin Angela Merkel persönlich am 31. August in ihrer „Wir-schaffen-das“-Pressekonferenz das Volk aufgerufen hat, angesichts einer schier unlösbaren Aufgabe jetzt den nächsten Schritt zu unternehmen: „Deutsche Gründlichkeit ist super“, sagte sie. Jetzt aber sei es angezeigt, deutsche Flexibilität zu zeigen.

Leider ging der Wink mit der Flexibilität beim Flensburger Ordnungsamt mit erheblicher Verspätung ein. Während das Ehrenamt im Bahnhofsgebäude seit Mitte letzter Woche höchst flexibel und fast ganz ohne Amtshilfe die Aufnahme, Begrüßung und Versorgung von vielen Tausenden Flüchtlingen organisiert, schrieben Mitarbeiter des Ordnungsamtes vor dem Bahnhof mit großer Gründlichkeit die falsch parkenden Autos der Helfer auf. Oberbürgermeister Simon Faber wird in diesem Zusammenhang missbilligend seine Bemerkung nachgetragen, die Stadt verfüge einfach nicht über die nötigen Ressourcen, um einen weitergehenden humanitären Einsatz zu leisten. Fürs Knöllchenschreiben haben die Ressourcen dann offenbar noch locker gereicht.

Birgit Mills hatte es am Freitag erwischt. Sie hatte kurz vor Eintreffen des 14-Uhr-Zuges noch Babysachen und Hygieneartikel eingekauft und wollte damit zur Bahnhofshalle. „Ich bin wohl drei Mal ums Karree gefahren“, sagt die Flensburgerin. „Da war kein Parkplatz zu bekommen. Alles voll.“ Mills stellte ihren VW schließlich rechts an der Bahnhofstraße ab, vergaß ihre Parkscheibe zu stellen, schleppte ihre Hilfsgüter zum Bahnhof, half zweieinhalb Stunden bei Verteilung und Betreuung und fand bei ihrer Rückkehr ein Ticket unterm Wischerarm. „Sie überschritten bei Zeichen 314 mit Zusatzzeichen...“ blabla – macht 15 Euro. „Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Haben die nichts Besseres zu tun“, wunderte sich Mills. Offenbar nicht, wie ein Anruf beim Ordnungsamt ergab. Mills versprach, bei Erlass des Bußgelds die 15 Euro der Flüchtlingshilfe zu überweisen, dort wären sie zweifellos besser angelegt. Vergebens. Das wurde amtlich anders gesehen. „Das Geld werden Sie wohl der Stadt spenden müssen.“

Und Birgit Mills war nicht die Einzige. Eine Mitarbeiterin der „Fischperle“, die vergangenen Freitag mit einem Kollegen zusammen Essen für die Flüchtlinge ab- und ausgab, ärgerte sich mächtig über die Stadt-Sheriffs, die Jagd auf Parksünder machten. „Die rannten rum und schrieben fleißig auf“, meinte sie gestern empört. Sie sprach einen Beamten der Bundespolizei an, aber der habe nur mit den Schultern gezuckt. „Das sei Sache der Stadt.“ Dirk Dillmann von den Sportpiraten und Heinz-Werner Jezewski, wie Dutzende andere an diesem Brennpunkt engagiert, verstehen es nicht. „Da sind Leute über Stunden im Einsatz und rennen alle Stunde raus, um die Parkuhr zu füttern“, sagt Kommunalpolitiker Jezewski. „Etliche haben dann irgendwann nur noch die Parkscheibe ins Fenster gelegt und prompt ein Ticket bekommen.“ Dillmann hat das Gleiche beobachtet. Er will mit der Sache an die Stadt herantreten – wenn wieder mehr Ruhe eingekehrt ist. „Im Moment kommt hier keiner dazu“, sagte er gestern Nachmittag. „Und außerdem muss ich jetzt dringend für eine Stunde schlafen.“ Jezewski hofft auf Einsicht der Verwaltung und vielleicht eine Anweisung des Oberbürgermeisters. „Es wäre doch toll, wenn die Strafmandate der betroffenen Tage aus diesem Bereich nicht weiter verfolgt würden...“

Ganz aussichtslos erscheint das nicht. Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf teilte gestern mit: „Die Wege für Busse und Rettungswagen müssen freigehalten werden“, sagt er auf Anfrage. Und das Wichtigste zuletzt: „Wir haben das Problem erkannt. Wir wollen niemanden ärgern.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen