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Hostel an der Exe : Flüchtlinge in Flensburg: „Hier wollen wir nicht bleiben!“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flüchtlinge sind unzufrieden mit der Unterbringung im Hostel an der Flensburger Exe. Der Betreiber weist die Vorwürfe zurück.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2015 | 08:09 Uhr

Flensburg | Eine Wohlfühl-Oase verlangt niemand. Doch die Umstände, wie die etwa 100 Flüchtlinge im Hostel Flensburg untergebracht sind, lassen zu wünschen übrig – sagen dieBewohner. Einige von ihnen haben sich entschlossen, die Bedingungen, unter denen sie leben, nicht länger unter Verschluss zu halten. Sie würden ihre vorläufige Bleibe gern wechseln – lieber heute als morgen. Doch das dürfte noch eine Weile in Anspruch nehmen. Auch wenn die Stadt nach Tageblatt-Informationen bemüht ist, das Hostel baldmöglichst zur flüchtlingsfreien Zone zu machen.

Eine aus Syrien kommende Frau lebt seit etwa zwei Monaten hier. Sie hat vor ihrer Flucht als Restaurateurin in Aleppo gearbeitet – eine uralten Kulturstadt, die ihrer Schätze durch Krieg und Plünderungen weitgehend beraubt wurde. Jetzt muss sie sich mit zahlreichen Diebstählen in der Flensburger Einrichtung auseinander setzen. Ihr selbst seien Dokumente der Universität abhanden gekommen. „Gestohlen werden aber auch Kleidung und Lebensmittel“ sagt sie, „leider sogar sehr oft.“

Sie schläft mit anderen Frauen aus anderen Ländern in einem spärlich ausgestatteten Zimmer. Es gebe dort keinen abschließbaren Schrank, beklagt sie. Lediglich sieben Betten, drei Stühle und einen Tisch auf knapp 20 Quadratmetern.

Nachts schließt sie sich ein. „Manchmal rüttelt und klopft es an der Tür.“ Sie möchte lieber nicht wissen, wer da Einlass begehrt. Die Außentür ist geöffnet. 24 Stunden lang. „Wir haben Angst“, sagt sie – eine Mitbewohnerin nickt.

Morgens ist der Weg ins Bad ein langer Weg. Er führt über ein Außengrundstück, vorbei an Männern in einem engen Flur, sagt die 40-Jährige. „Es gibt keine Intimsphäre.“ Mindestens 20 Menschen müssten sich ein Bad teilen.

Nicht viel besser sehe es in der Küche aus, in der sich alle 100 Bewohner ausbreiten. Sieben Kühlschränke, stets bis an den Rand gefüllt. Kein Platz für frische Ware. „Wir kaufen immer so ein, dass wir die verderblichen Speisen sofort verzehren, weil wir sie nicht richtig lagern können.“ Andere stellen sie zur Kühlung nach draußen. Bei einer derart regen Nutzung bleibt es nicht aus, dass die Küche schnell verdreckt. An der Reinigungsfrage entzünden sich Konflikte. „Viele Männer sind der Meinung, das sei Frauensache“, sagt eine 35-jährige Syrerin. Das Problem anzusprechen, sei nicht einfach, denn eine Betreuungsperson komme nur einmal pro Woche für drei oder vier Stunden vorbei.

Ein Mann aus dem Irak schaltet sich ein. Er wohnt schon dreieinhalb Monate hier. Viel länger als gedacht. Seine Schwester leide an Kinderlähmung, sie ist gehbehindert. „Ich möchte bei ihr sein“, sagt der Bruder. Doch das lasse sich nicht realisieren, habe man ihm bei der Ausländerbehörde beschieden. Nun wohne sie in einem Zimmer mit Frauen aus Eritrea zusammen. Und das, sagt der 39-Jährige, berge wegen ethnischer Differenzen eine Menge Konfliktpotenzial. Grundsätzlich kritisieren die Flüchtlinge, dass Nationalitäten etwas unsensibel in einem Raum zusammengeführt würden – Marokko, Syrien, Serbien und die Dominikanische Republik unter einem Dach.

Nico Catalano ist Geschäftsführer des Hostels. Er weist die Vorwürfe zurück. Selbstbewusst, unaufgeregt, in aller Ruhe. Der von der Stadt belegte Trakt, versichert er, beherberge zwei Zimmertypen. Der kleine Raum sei mit maximal drei, der große mit fünf Personen belegt. In der Mitte das Bad – ergo für acht Personen. „Und bei uns schläft niemand auf dem Flur.“

Die lange Aufenthaltsdauer habe nicht er zu verantworten. Die Stadt habe anfangs versucht, die von der Erstaufnahme in Neumünster kommenden Personen binnen maximal drei Wochen in Wohnungen unterzubringen. „Das hat bei dem aktuellen Ansturm nicht geklappt.“ Er räumt ein, dass es in Küche und Bad Reibungspunkte gebe. „Das ist bei so vielen Nutzern unvermeidlich. Wir reinigen alle zwei Wochen.“ Für den Rest erwarte er ein Mindestmaß an Eigenverantwortung und Toleranz. Das gelte auch in Bezug auf die Belegung der Zimmer. Catalano verweist darauf, dass es in den letzten vier Jahren kaum einen Polizeieinsatz gegeben habe. „Und wir regeln das hier alles ohne Wachdienst.“

Die Stadt hat die Räume angemietet, sie hat die Kontrolle über einen ordnungsgemäßen Tagesablauf. „Natürlich gibt es Konflikte und Wünsche, und vieles ist aus der Not geboren“, sagt Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. Eine Betreuung könne nicht durchgehend erfolgen. „Wir erwarten aber, dass man uns informiert, wenn es Probleme gibt.“

Derzeit leben 581 Flüchtlinge in der Stadt. Und es werden täglich mehr. Bis Jahresende wird die 1000er-Marke durchbrochen sein. Die Stadt rüstet sich. Derzeit entstehen, wie berichtet, Container auf der Exe. Mitte Oktober wird hier das erste von vier Wohnmodulen fertiggestellt sein. Es entstehen 10 Häuser mit Platz für über 300 Menschen. Platz auch für die Hostel-Bewohner. Weit haben sie es nicht. Sie müssen nur über die Straße gehen.

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