Ein Bakfiets für Flensburgs Berge : Flotte Kisten für Familien

Klimafreundliche Familienkutsche: Ab 25 Kilometern pro Stunde  muss Tim Meyer-König (vorn) seine Knirpse Johannes und Friederike im Bakfiets ohne elektrische Unterstützung voranbringen; Dirk Schmitz (hinten) hat für sein Lastenrad die Persenning aufgezogen. Foto: wal
Klimafreundliche Familienkutsche: Ab 25 Kilometern pro Stunde muss Tim Meyer-König (vorn) seine Knirpse Johannes und Friederike im Bakfiets ohne elektrische Unterstützung voranbringen; Dirk Schmitz (hinten) hat für sein Lastenrad die Persenning aufgezogen. Foto: wal

Dirk Schmitz und Tim Meyer-König schwören auf elektrifizierte Lastenfahrräder - in der Klimastadt Flensburg sollen bislang eine Handvoll unterwegs sein

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23. Juli 2013, 03:59 Uhr

Flensburg | Der ungeschickte Neuling wird auf den ersten Metern in die Zeit als Fahrrad-Anfänger zurückversetzt. Zwar für Sekunden nur, aber immerhin, eiert er mit dem niederländischen Lastenrad den plötzlich sehr schmalen Rad- und Fußweg entlang und nimmt lieber eine besonders großzügige Kurve auf einen unbelebten Parkplatz.

Am Anfang hat auch Dirk Schmitz Lastenrad schon mal einen Zaun berührt. Damals hat er noch gelacht über das ungewöhnliche Gefährt. "Das sah komisch aus." Doch längst ist er überzeugt von dessen Vorzügen, hat es seinem Freund Tim Meyer-König nachgemacht und sich gleich nach ihm im Frühling ein "Bakfiets" gekauft. Seither liefert er in der Kiste in der Mitte seines Zweirads die T-Shirts und bestickten Sachen seiner Stickerei zu den Kunden aus. Kasten heißt auf Niederländisch "bak", und "fiets" ist das Fahrrad.

Tim Meyer-König ist in den Niederlanden aufgewachsen und kennt Kasten-Fahrräder buchstäblich aus Erfahrung. Immer, wenn er zu Weihnachten bei seinen Eltern daheim bei Leiden sei, miete er sich eines. Seit Februar kutschieren er oder seine Frau Steffi beispielsweise die drei Kinder im eigenen Bakfiets herum - sogar in oranje. An Unmengen solcher Räder im Straßenbild kann er sich in seiner Heimat jedoch nicht erinnern. Fünf insgesamt in Flensburg fallen ihm und seinem Freund Dirk Schmitz ein. Das Konzept indes sei "uralt"; dem 39-Jährigen gehen alte Photos von Hafenmeistern durch den Kopf, die ihre Materialien über das Hafengelände bugsieren. Heute erleben die Lastenräder eine Renaissance - darin sind sich Schmitz und Meyer-König einig. Die wichtigsten Hersteller verorten die beiden in den Niederlanden, in Kopenhagen und Berlin. "Es lebt auf durch die Elektrifizierung", vermutet Dirk Schmitz. Seine monatlichen Kraftstoff-Kosten fürs Auto hat er von 300 auf 100 Euro gedrosselt. "Ohne, sich zu quälen", betont er.

Die Zeiten für den inneren Schweinehund seien vorüber, bestätigt Tim Meyer-König, der wie Steffi sämtliche Wege und nun auch Transporte mit dem Rad erledigt. Hundert Kilogramm könne man zuladen; bis zur Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde schiebe der 36-Volt-Motor (250 Watt Leistung), erklärt Tim Meyer-König. Wie ein Pedelec. Dagegen könne auch der Gesetzgeber nichts einwenden. Erst bei höherer Leistung des Antriebes wären Kennzeichen und Versicherung fällig, dann als E-Bike.

Um für "illegale Straßenrennen" gegen Dirk Schmitz (Mr. 24 Volt) gewappnet zu sein, wie der 39-Jährige im Scherz sagt, hat er sein Bakfiets selbst umgerüstet beziehungsweise aufgerüstet. Weil es günstiger ist und weil er es kann, als Ingenieur. Im Basis-Zustand habe es 1600 Euro gekostet. Mit Elektrifizierung und Extras, darunter einer "Persenning" als Regenschutz, kommt er auf 2850 Euro. Trotz der 42 Kilogramm des Rades lasse er vorbildlich ausstaffierte Radler an der Ampel stehen, wuppt die Glücksburger oder steile Toosbüy-Straße mit einem Lächeln. Wegen des langen Radstandes laufe das Bakfiets sehr ruhig, erklärt Tim Meyer-König. Die Reichweite betrage je nach Fahrstil 50 bis 80 Kilometer täglich, berichtet er und dass die Familienkutsche, also das Bakfiets, rund 5000 Kilometer im Jahr rolle.

Als leidenschaftliche Segler nutzt es die fünfköpfige Familie häufig, um nach Holnis zu fahren, für Ausfahrten mit den Kindern oder auch "Einschlaf-Touren". Dann wird der zwei Monate kleine Knirps Thomas vorn mit Federbettchen gepolstert. Die vierjährige Friederike und ihr Bruder Johannes (2) nehmen auf der hinteren der beiden Bänkchen im Kasten Platz und passen mit auf. Die Kleine nickt eifrig, als der Papa Friederike und Johannes fragt, ob es eine Runde "Vollgas" sein dürfe. Eine Art "Seekrankheit" hat Dirk Schmitz bei einem seiner Zwerge erst nach einer Fahrt von zwei Stunden festgestellt... Das sei aber die Ausnahme. Der 42-Jährige führt auch die Möglichkeit als Vorzug ins Feld, eben schnell Bier- oder Wasserkästen für die Party kaufen zu können. "Und du fährst vor die Tür." Tim Meyer-König ergänzt als unschlagbare Vorteile gegenüber einem Anhänger: "Die Kinder sehen mehr, haben mehr Platz, sitzen besser, und die Eltern sehen ihre Kinder."

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