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150 Jahre Zeitung in Flensburg : Flensburgs Unabhängigkeitserklärung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1889: Nach rund 20-jähriger Auseinandersetzung mit dem Landkreis wird die Stadt wieder kreisfrei

shz.de von
erstellt am 22.Mär.2015 | 08:24 Uhr

Kontinuität scheint hilfreich, wenn man dicke Bretter bohren möchte. Nach der Einverleibung Schleswig-Holsteins hatte Preußen den Flensburgern 1867 ihre jahrhundertealte vollständige kommunale Selbstständigkeit genommen. Per preußischer Verordnung wird Flensburg am 22. September dem neu gebildeten Kreis Flensburg und dessen Landrat unterstellt. Die in der Gründerzeit sehr unterschiedlichen Interessen der mit der Industrialisierung rasch wachsenden Stadt Flensburg und dem landwirtschaftlich geprägten Kreisgebiet gipfelten in einer Benachteiligung des Oberzentrums in der politischen Vertretung: Gerade mal vier der 22 Kreistagssitze durfte die Stadt besetzen, später waren es sieben von 28.

In schwierigen finanziellen, acht Jahre langen Verhandlungen mit dem Kreis bereitet Flensburg die Übernahme von Aufgaben wie der Polizeiaufsicht, des Militärwesens und der Staatssteuer vor. Einen zentralen Nachteil für das städtische Budget sehen Oberbürgermeister Wilhelm Toosbüy und die Stadtverordnetenversammlung in den erheblichen Kosten, die die Stadt für die Infrastruktur, vor allem für den Ausbau der Wege im Landkreisgebiet, mitzutragen hat. Nachdem der Kreistag die Ausgliederung Flensburgs im November 1880 ablehnt, verfügt die Schleswiger Provinzregierung, dass der Landrat mit der Stadt über den Austritt aus dem Kreis in Verhandlung treten möge. Die Auseinandersetzungen über Wegelasten und die Eisenbahnen zogen sich indes noch über Jahre hin.

Am 1. April 1889 wird Flensburg wieder kreisfreie Stadt. Mehr als 20 Jahre Streit zwischen Stadt und Kreis gingen dieser Unabhängigkeitserklärung voran: „Das Verhältnis zwischen Stadt und Land war für Jahrzehnte belastet, erschwerte die stadtnahen Eingemeindungen nach 1900 und fand einen fernen Nachhall auch in der Gebietsreform-Diskussion Ende der späten 1960er Jahre“, so das Fazit von Stadtarchivar Broder Schwensen. Die bereits rund 40  000 Einwohner zählende Metropole hat nicht nur einen florierenden Wirtschaftshafen, sonder auch neben der Schiffbau-Gesellschaft große Industriebetriebe wie Eisengießereien, Ofenfabriken, die Glasfabrik für die Brauerei und die Walzenmühle, beide in der Neustadt.

Die große Kontinuität an der Spitze der stolzen Stadt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist für die Ausgliederungsstrategie von großem Vorteil. Oberbürgermeister Toosbüy, seit 1868 im Amt, hat das komplette politische Verfahren in der Hand und tritt erst 1898 ab, als Flensburg bereits fast wieder ein volles Jahrzehnt kreisfreie Metropole an der Förde ist. Sein Nachfolger Hermann Bendix Todsen amtiert danach bis 1930 – also noch zwei Jahre länger als der Vorgänger.

Was die Geschichte der Loslösung Flensburgs aus dem Landkreis für die aktuelle Diskussion um die Großkommune Flensburg lehrt? „Die Provinzregierung hatte die strategische Bedeutung der Zentren erkannt“, findet Bürgermeister Henning Brüggemann. Deshalb müsse man in der aktuellen Diskussion um Gebietsreform und Großkommune das Land stärker in die Pflicht nehmen: „Ich möchte ein klares Bekenntnis der Landes. Die Frage ist damals auch nicht in der Region gelöst worden, sondern über die Region.“ Und wenn die ländlichen Regionen an Bevölkerung verlieren, könne es nicht nur Win-Win-Situationen geben, glaubt der Bürgermeister. Nördlich der Grenze sei man mit der Gebietsstruktur bereits anderthalb Schritt weiter.

Ohne Einbeziehung höherer Stellen in Politik und Verwaltung war die Auseinandersetzung von Stadt und Kreis auch damals konfliktreich und unbefriedigend. Am 3. November 1888 einigten sich Stadt und Kreis in acht Punkten über alle vermögensrechtlichen Fragen. Dieses Ergebnis billigte der alte Kreistag als eine seiner letzten Amtshandlungen am 16. Januar 1889. Er hatte allerdings eine Ergänzung: Die Bibliothek des Kreises Flensburg sollte alleiniges Eigentum des Landkreises bleiben.

 

 


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