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Sonntag Bürgertreffen im Aktivitätshaus : Flensburgs Tal der Ahnungslosen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Internet im Schneckentempo – und keine Besserung in Sicht: Gartenstadt fühlt sich abgehängt

shz.de von
erstellt am 11.Feb.2017 | 12:13 Uhr

Anfang des neuen Jahrtausends wurde die Gartenstadt in Flensburg-Weiche oft und gern als Vorzeigeprojekt gelungener Konversion gepriesen. 17 Jahre danach ist der erste Lack aber ab – unter der Erde. Dort wurde die Anfang der Nuller-Jahre noch hochmoderne ISDN-Technik vergraben. Aber die tut’s in Zeiten großen Datenhungers einfach nicht mehr. Mit ihrer veralteten Kommunikations-Infrastruktur droht die Gartenstadt das postmoderne Tal der Ahnungslosen zu werden. Die Bewohner formieren sich zum Widerstand.

Die Gartenstädter Daniel Desler und Michael Specht versuchen, das latente Unbehagen im Stadtteil zu bündeln. Sie wollen sich am Sonntag um 15 Uhr im Aktivitätshaus (Pfauenaugenhof 2) mit anderen Betroffenen austauschen, vor allem aber gemeinsam eine Strategie entwickeln, mit der Druck auf den hier einzig herrschenden Monopolisten ausgeübt werden kann: 1&1 Versatel.

Der Düsseldorfer Kommunikationsdienste-Anbieter hat aktuell von den Flensburger Stadtwerken die komplette Technik gepachtet, die ab dem Jahr 2000 beim Bau der Gartenstadt für Telefon, Fernsehen und Internet über und unterirdisch installiert wurde. Das war anfangs ein Segen, weil das Netz schnell und modern war, jetzt ist es ein Fluch. Das Netz ist inzwischen technisch veraltet, Konkurrenz ist (technisch) ausgesperrt, der Monopolist 1&1 Versatel zeigt aktuell keine Neigung, hier noch zu investieren.

Diese Kombination frustriert viele. Wenn Michael Specht abends seinen Rechner anschaltet, um online noch zu arbeiten, kommt er oft nicht weit. Die Ehefrau, der im Haus lebende Vater, der Sohn – alle nutzen Rechner, Laptops, Smartphones. „Wenn ich Pech habe, streamt mein Sohn über Netflix einen Kinofilm. Dann kann ich meinen Laptop gleich wieder zusammenklappen.“

Dabei ist er noch gut dran. Sein Haus liegt in unmittelbarer Nähe eines Verteilerkastens. Die 16 Mbit, die Versatel als Höchstgeschwindigkeit im Angebot hat, kommen tatsächlich an. Daniel Desler aber wohnt weiter weg, „Bei uns sind es manchmal nur 4 bis 6 Mbit.“ Das ist selbst im gemächlichen deutschen Internet Steinzeit. Die Bundesregierung hat in ihrer Breitbandinitiative bis 2018 eine Versorgung in zehnfacher Übertragungsgeschwindigkeit vorgegeben – flächendeckend! 50 Mbit sind das Mindeste, was HD-Fernsehen, Telefonie, das Internet der Dinge und der Kommunikation erfordern. Specht und Desler würden die Grenze gar bei 100 Mbit ansetzen – aber davon ist die Gartenstadt weit entfernt.

Desler, frisch zugezogen, dachte gar, er könne seinen schnellen 1&1-Anschluss einfach mit umziehen lassen, musste aber feststellen, dass in Weiche andere Regeln gelten. Statt 50 Mbit waren mit einem Mal nur noch vier verfügbar, in dem neuen Gebiet, teilte ihm sein Alt-Versorger auf Anfrage mit, könne er leider aus technischen Gründen nicht liefern. Paradox, findet Desler. Schließlich gehört Versatel inzwischen doch zu 1 & 1.

Die Pressestelle von 1&1 Versatel hat aktuell keinen wirklichen Mutmacher im Angebot. Die 1998 von der Stadtwerke-Komtel verlegte und später per Pacht auf die Versatel übertragene Kupferkabel-Struktur unterliegt technischen Beschränkungen, erklärt Unternehmenssprecherin Anna Lottner. Das zu erschließende und auf nur 1000 Hausanschlüsse begrenzte Gebiet habe damals außer Komtel/Versatel kein anderer Provider versorgen wollen – deshalb sei die Anschlusstechnik nicht für konkurrierende Angebote ausgelegt. Lottner räumt ein: „Uns ist bewusst, dass die Bandbreitenbedarfe aktuell rasant steigen.“ 1&1 Versatel arbeite an technischen Lösungen für bis zu 100 Mbit. Nur auf einen Zeitpunkt will sie sich nicht festlegen.

Vielleicht liegt das auch an den Flensburger Stadtwerken. Als Verpächterin bezieht die kommunale Tochter aus der längst abgeschriebenen Anlage bequeme Einnahmen. Es mutet paradox an, dass die Stadtwerke gerade jetzt eine Glasfaserinitiative mit dem Ziel betreiben, bis 2020 alle Flensburger Haushalte mit einem Internet-Tempo von 200 Mbit und mehr versorgen zu können, die Gartenstadt aber null Priorität genießt. Die steht aktuell nicht zur Debatte, bestätigt Ulla Meixner, Verantwortliche der Glasfaser-Initiative. Das klingt beunruhigend. Denn beim Start dieses Projektes im letzten Jahr ließ sich Stadtwerke-Direktor Maik Render entlocken, dass Versatel für das alte Komtel-Netz 2015 die erste von zwei Verlängerungsoptionen über jeweils fünf Jahre gezogen habe. Das deutet auf eine Verlängerung der Digital-Steinzeit bis 2025 hin, so lange droht das einstige Vorzeige-Projekt noch das Nachsehen zu haben – wenn sich die Stadtwerke nicht entschließen, ein konkurrierendes Netz zu legen. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung. Spechts und Deslers Hartnäckigkeit könnte einen ersten Erfolg erzielt haben. „Versatel hat uns gerade eingeladen“, sagte Specht vorgestern. „Zu einem perspektivischen Gespräch am 1. März.“

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