Flensburgs schöne Rückseite

Von der Nikolaistraße aus öffnet sich der Blick auf einen wunderschönen Kaufmannshof, der um 1550 in roten Ziegelsteinen des großen Klosterformats errichtet wurde. Foto: oy
Von der Nikolaistraße aus öffnet sich der Blick auf einen wunderschönen Kaufmannshof, der um 1550 in roten Ziegelsteinen des großen Klosterformats errichtet wurde. Foto: oy

Als der Westindienhandel blühte: Streifzug auf den Spuren von Rum und Zucker durch das historische Flensburg

shz.de von
11. Juli 2013, 03:59 Uhr

Flensburg | Ein gefühlt ordentlicher Schluck Rum ist dabei, wenn Stadtführer Gorm Sune Andersen unter der Überschrift Rum & Zucker Hiesige und Urlauber vom Treffpunkt des Mühlenstrom-Wasserrades aus durch das historische Flensburg führt. "Diese gute alte Stadt fing dort hinter den Bäumen an", verweist er auf den Ursprung der Stadt als Fischersiedlung am Ende der Förde, lange bevor Flensburg mit dem Westindienhandel seine Blüte erlebte. Zeugnisse dieses goldenen Zeitalters lassen sich auf dem Holm und der Großen Straße, aber auch auf verschlungenen Wegen und versteckten Höfen entdecken.

"Wir sehen Flensburg von der Rückseite, das ist sowieso viel interessanter", erklärt Andersen. So öffnet sich von der Nikolaistraße aus, auf der Rückseite des Holms, der Blick auf einen wunderschön erhaltenen Kaufmannshof, der um 1550 in den roten Ziegelsteinen des großen Klosterformats errichtet wurde. "Das hätten wir sonst nie entdeckt", freut sich ein Paar aus Detmold, das in Bockholm Ferien macht. Auch Renate Hücker aus Kassel begeistert sich für die typisch Flensburger Höfe: "Das haben wir gelernt: Wir gehen überall rein; neulich haben wir einen so hübschen privaten Hof entdeckt und gefragt, ob wir hinein gucken dürfen". Gemeinsam mit Meike Seeling-Maaß und Michael Maaß aus Hamburg macht sie Ferien in Dänemark, mit Touren jeden Tag: "Immer hierher, weil es hier so schön ist", heißt es fröhlich. "Das sieht hübsch aus", freut sich Simone Klaffke aus Bremen über den plätschernden Brunnen des Nordermarktes und die historische Häuserzeile der Großen Straße.

Mit leicht dänischem Akzent, "das finde ich so nett, so besonders", meint eine Besucherin, erzählt Andersen, dass Flensburg "keine Stadt irgendwo in der Ecke sondern die Stadt in der Mitte", nach Kopenhagen die Nummer Zwei im dänischen Reich war. Wie oft und gern der dänische König Friedrich VII. im Festsaal des Borgerforeningen im früheren Norwegerhof dem Bier zusprach. Andersen berichtet vom Dreiecks- und Westindienhandel: von Fisch aus Norwegen, Salz aus Spanien, auch von Sklaven aus Afrika, vor allem vom Zuckerrohr von den Plantagen der dänischen Jungferninseln St. Croix, St. Thomas und St. John.

"Ein Drittel des Rohrzuckers zwischen Schleswig-Holstein und den Färöern kam aus Flensburg" - bis man hierzulande Zuckerrüben anbaute. Nebenprodukt in den Zuckerraffinerien war der zunächst 86-prozentige Rum. "Trinkt nicht davon, das macht rumrumrum im Kopf", hätten die Einheimischen auf den dänisch-westindischen Inseln gewarnt: "Daher der Name".

Überall ist Flensburgs bedeutendster Reeder und Kaufmann, Andreas Christiansen, in Geschichten und Bauten präsent, in seinem repräsentativen Palais am Holm (heute Hypovereinsbank), im Westindienspeicher. "Er war so etwas wie A.P. Möller heute in Dänemark", erklärt Andersen und weiß zu erzählen, dass viele der alten Häuser auf den fernen, einst dänischen Inseln aus hiesigen Backsteinen erbaut wurden, die als Ballast auf den Großseglern übers Meer gelangten.

Mittlerweile ist die steil ansteigende Marienstraße mit ihren liebevollen Häusern erreicht. "Oh, das Tor ist auf; dürfen wir mal reingucken?" heißt es im malerischen Hof von Johannsen-Rum. So kommt es, dass buchstäblicher Rum-Duft Andersens Rum-Tour krönt. "Den Duft müsste man in Kisten abpacken können", meint ein Flensburg-Gast genüsslich.

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