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Interview mit Simone Lange : Flensburgs neue Oberbürgermeisterin: „Ich hoffe, dass ich Chefin kann“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Simone Lange, die große Siegerin des Wahlabends, will das OB-Rederecht im Rat stärker nutzen – und den Kontakt zu den Bürgern intensivieren.

Frau Lange, herzlichen Glückwunsch zum überraschenden Ergebnis. Haben Sie jetzt zwei Wochen frei?
Nein, ich habe kommende Woche Landtagssitzung und bin gerade aktuell dort sehr gefragt.

Aber Sie mussten davon ausgehen, dass es in zwei Wochen eine Stichwahl gibt mit weiteren Terminen ...
Klar habe ich geglaubt, dass ich in eine Stichwahl muss. Aber für die ausfallenden Termine finden jetzt andere statt.

51,4 Prozent, gut 12.000 Wählerstimmen – waren Sie ehrlich überrascht?
Ja. Ich war ziemlich aufgeregt, und dann bekam ich gegen 18.30 Uhr zu Hause einen Anruf, dass die ersten sechs Wahlbezirke ausgezählt sind und dass ich alle gewonnen hätte. Da war ich schon überwältigt. Und als ich ins Rathaus kam, gratulierten mir alle, obwohl noch nicht die Hälfte ausgezählt war. Es kratzte ja immer an den 50 Prozent.

Ehrlich, womit hatten Sie gerechnet?
Ich hatte gesagt, wenn ich 40 Prozent schaffe, würde ich mich tierisch freuen.

Die Wahlbeteiligung ist zwar um gut drei Prozentpunkte gestiegen, aber 31 Prozent heißt ja auch, dass fast 70 Prozent nicht wählen wollten.
Ich denke, dass der Glaube immer noch fehlt, dass man mitbestimmen und mitgestalten kann. Deshalb bleibt das ein Auftrag an uns alle.

Nun ist ja die Oberbürgermeisterin kein kleiner Kanzler, sondern in erster Linie Verwaltungschef. Entscheidungen trifft die Ratsversammlung ...
Ja, aber die Menschen sprechen auch über die Verwaltung, über ihr Rathaus. Leider sprechen sie überwiegend mit Negativerlebnissen über das Rathaus. Ich habe den Anspruch, dieses Negativ-Image zu ändern. Es stimmt mit der Wirklichkeit nämlich nicht überein, weil die Rathaus-Mitarbeiter etwas können und Experten auf ihren Gebiet sind. Diese Diskrepanz möchte ich aufzulösen helfen.

Was möchten Sie konkret tun?
Ich möchte auch im Rat mein Rederecht viel öfter ausnutzen. Der OB hat im Rat Rederecht, ich glaube sogar ohne Zeitbegrenzung, und es gibt zwölf Ratssitzungen im Jahr. Ich möchte dieses Recht aktiv wahrnehmen und dem Rat monatlich Rechenschaft ablegen. Das hat in der Vergangenheit nicht so oft stattgefunden. Es gehen auch Zuschauer aus der Ratsversammlung und sagen: Da gehe ich nicht wieder hin. Wir müssen uns fragen, wie wir die Debatten so informativ und interessant machen, dass die Menschen interessiert daran sind. Die Leute sollen erkennen, dass auch die ehrenamtlichen Politiker im Rat das beste für diese Stadt wollen.

Aber die Chance auf kontroverse Diskussionen sind doch jetzt geringer, wo drei Fraktionen eine Oberbürgermeisterin unterstützen.
Das glaube ich nicht. Die unterschiedlichen Sichtweisen in der Sache werden sich von ganz alleine zeigen. Außerdem haben wir sieben Fraktionen, die alle ihre Sichtweisen einbringen.

Trotzdem hat ein Flensburger OB bald zum ersten mal eine Art parlamentarische Mehrheit hinter sich. Welche Vorteile bringt das?
Wir haben mit diesem Wahlbündnis gezeigt, dass wir Brücken bauen können. Ich möchte gerne die Brücken auch zu anderen Fraktionen bauen. Ich lege Wert darauf, mit allen Fraktionen zu sprechen. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich auch die FDP oder den SSW gefragt, ob sie mich mittragen.

Und die WiF ...
...hat mir signalisiert, dass sie gesprächsbereit ist. Das finde ich ein ganz tolles Signal. Die Leute nehmen uns das, was wir sagen, ja nur ab, wenn wir auch etwas umsetzen. Deshalb gehört Umsetzung auch in meine Rechenschaftsberichte und zu den Schwerpunkten.

Sind Sie seit heute nicht nur Landtagsabgeordnete, sondern auch Schattenoberbürgermeisterin?
Nein, es gibt eine festgelegte Amtszeit, sie dauert bis 14. Januar 2017, und das muss auch jetzt so sein, schon aus beamtenrechtlicher Sicht. Ich habe auch nicht vor, morgen als Landtagsabgeordnete zurückzutreten. Wenn ich wenige Wochen früher in der Landtagsfraktion ausscheide, damit ich mich vorbereiten kann, wäre das okay.

Es sind ja noch über sieben Monate bis zum Amtsantritt. War die frühe Wahl im Nachhinein eine schlechte Idee?
Es gibt uns aber auch die Möglichkeit, uns besser kennenzulernen. Die deutsch-dänische Zusammenarbeit bleibt zum Beispiel ein wichtiger Schwerpunkt. In Dänemark bin ich noch nicht so bekannt.

Wo lernt man als gebürtige Thüringerin Dänisch?
In den Kursen. Ich selbst habe Kurse besucht, und ich versuche auch zu sprechen, wo immer es geht. Das ist aber kein Business-Dänisch, sondern Alltags-Dänisch. Das ist ein Unterschied.

Auf Facebook wird nach Ihrer Vision für 2030 gefragt. Haben Sie eine?
Meine Vision knüpft an das Ziel an, Bildungsstadt zu sein. Dazu gehört mehr, als moderne Schulen und einen Campus zu haben; nämlich Bildung ganzheitlich zu betrachten über alle Bereiche, angefangen von der Stadtentwicklung. Wenn ich an unsere Zukunftsaufgaben denke, von der Armutsbekämpfung bis zum Klimawandel, dann hat das viel mit Bildung zu tun. Und wenn eine Geschäftsidee vom Campus in der Innenstadt erkennbar wird, kann man das sogar sehen. Ich stelle mir Jahrespläne vor: Wo wollen wir in sechs Jahren stehen, und wie schaffen wir es in Jahresetappen?

Wir haben aber doch eine Flensburg-Strategie.
Aber dort finde ich viele Dinge nicht, zum Beispiel Familienfreundlichkeit.

Sie gelten als bürgernah. Wie wollen Sie den Kontakt mit den Bürgern intensivieren?
Angefangen vom Kontakt zu allen Fraktionen bis zu den Stadtteilforen, die ich aufsuchen kann. Ich möchte die Menschen aber auch einladen.

Sie haben ihre Ziele im Wahlkampf formuliert, von der Bekämpfung der Kinderarmut bis zu kleineren Flüchtlingsunterkünften mit maximal 100 Plätzen. Wann beginnt die Umsetzung?
Das ist ein Arbeitsprogramm, das abgearbeitet werden muss.

Wenn die Flüchtlingsunterkunft mit 500 Plätzen am Friedensweg jetzt bezogen wird: Muss die Verwaltung Sie fragen, wenn Person 101 einzieht?
Nein, Amtsübergabe ist am 15. Januar.

Sie haben im Medienhaus bei der Fragerunde bedauert, dass es keine städtische Wobau mehr gibt. Wollen Sie eine neue gründen?
Das hat nicht die erste Priorität. Im Vordergrund steht die Kooperation mit den Genossenschaften, die sich hier betätigen wollen. Der Druck beim Thema Wohnen ist enorm groß.

Welches ist die anspruchsvollste Aufgabe, die vor Ihnen liegt?
Das alles zu erfüllen.

Können Sie eigentlich Chef?
Mein Mann sagt ja. (lacht) Er hat mich in der Kandidatur immer ermutigt. Ich habe sehr viel Respekt, dass so viele Menschen große Hoffnungen in mich setzen, weil ich die Hoffnungen nicht enttäuschen will. Ich hoffe, dass ich Chefin kann, und wir werden es einfach feststellen müssen.

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erstellt am 07.Jun.2016 | 11:00 Uhr

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