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Flensburger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 07:05 Uhr

Flensburgs Mann in Frankreich

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Alle vier Jahre fährt SPD-Ratsherr Helmut Trost als EM-Fan durch Europa – diesmal reist auch die Terrorangst unterschwellig mit

shz.de von
erstellt am 20.Jun.2016 | 07:44 Uhr

Alle vier Jahre macht Helmut Trost (63) Urlaub von seinem politisch-bürgerlichen Leben. Dann macht sich der langjährige SPD-Fraktionschef und frühere Bürgermeister als Hardcore-Fan auf den Weg zur Europameisterschaft. So war es vor vier Jahren beim Turnier in Polen und der Ukraine, wo Trost als EM-Groundhopper alle deutschen Spiele zwischen Danzig und Lwiw und das Finale in Kiew im Stadion erlebte. 2008 in Österreich erlebte er im Wiener Ernst-Happel-Stadion das 1:0 gegen Österreich (durch den Gewalt-Freistoß von Michael Ballack) – und im Jahr 2000 war er in Belgien beim EM-Spiel England – Deutschland in Charleroi (1:0). „Schon damals gab es die Angst machenden Hooligan-Auseinandersetzungen“, erinnert sich der Fan.

Es ist also Trosts viertes Turnier – das schaffen im Kader nur Schweini und Poldi. Verwundert? Wer den SG-Dauerkartenbesitzer Helmut Trost aus der Flens-Arena kennt, dürfte schon nicht mehr ganz so überrascht sein. Warum jemand so etwas tut? „In Polen und der Ukraine lernte ich beeindruckende Menschen, ein ganz großes Maß an Freundlichkeit und Offenheit, phantastische Städte und wunderbare Landschaften kennen“, fasst Trost seinen Antrieb zusammen.

Am 9. Juni startete Trost zum ersten Mal mit dem Zug mittags ab Flensburg und dann ab Fuhlsbüttel mit Easy-Jet nach Orly. „Zwölf Stunden später war ich im Pariser DFB-Fancamp auf dem Campingplatz.“ Von dort machten sich 130 Fans auf die Fahrt zum ersten Spiel nach Lille. In drei Bussen war man unterwegs, mit an Bord das ZDF. Ein Kurzbericht in der „heute“-Sendung vom 12. Juni folgte und transportierte die tolle Atmosphäre in die deutschen Wohnzimmer. Bisher schönstes Erlebnis: Der Fan-Walk in Lille. „3000 deutsche Fans wanderten aus der Innenstadt zu dem außerhalb liegenden Stade Pierre Mauroy, feierten und sangen mit den französischen Anwohnern. Eine fröhliche, friedvolle und stimmungsvolle Aktion, die mit den Behörden abgesprochen war.“ Trost fühlte sich an die Stimmung beim Sommermärchen 2006 erinnert.

Dann die ungewöhnlichste Anreise: Mit dem Boot vom Fancamp nach mehrstündiger Fahrt Richtung Stadion Stade de France in Saint Denis. „Nach dem bescheidenen 0:0 gegen Polen verschwand die Euphorie, sank der Stimmungspegel und der einsetzende Regen passte zur Atmosphäre.“

In Paris übernachtet Trost mit einigen hundert Fans auf dem Campingplatz „Indigo“ am Ufer der Seine, in Zelten, Wohmobilen und Cottages. „Noch zehn Tage vor EM-Beginn stand der Platz zur Hälfte unter Wasser und war voller Schlamm.“ Organisiert hat das Camp der DFB-Fanclub. „Ich selbst übernachte in einem Vierbett-Cottage, einer Art Hütte zusammen mit Fans aus Süddeutschland“. Was der Flensburger Fan zu den Ausschreitungen der ersten Woche sagt? „Ich meine: Es handelt sich nicht um Fans, die außer Kontrolle sind, sondern um Menschen, die mit dem Fußballsport überhaupt nichts zu tun haben und die EM nur als Bühne oder Anlass nehmen, Gewalt gegen andere auszuüben.“ Eine Minderheit, die die Berichterstattung dominiere. „Leider gab es auch deutsche Gewalttäter – 20  000 Deutsche feierten in Lille, fünf Dutzend fielen mit rechtsextremen Sprüchen und Angriffen gegen Ukrainer auf.“ Und die Terrorangst? „Unterschwellig ist die Sorge immer vorhanden, dass etwas passieren könnte.“ Allen Fans sei klar, dass trotz aller Sicherheitsmaßnahmen kein wirklicher Schutz möglich ist, sagt Trost. „Und wenn man bei einer Sightseeing-Tour auf Gruppen von schwerbewaffneten Soldaten trifft, geht die Leichtigkeit und Fröhlichkeit schnell wieder verloren.“

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