Die Stadt wächst : Flensburgs Kleingärten in Gefahr

Garten-Idylle auf Abruf: Auf einem Teil der Kolonie 115 am Wasserturm sollen offenbar in wenigen Jahren Wohnhäuser gebaut werden.
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Garten-Idylle auf Abruf: Auf einem Teil der Kolonie 115 am Wasserturm sollen offenbar in wenigen Jahren Wohnhäuser gebaut werden.

Immer mehr Wohngebiete, neue Gewerbeflächen, Zentralklinikum: Viele Kolonien müssen weichen / Planung Mumm’sche Koppel auf Eis

shz.de von
08. September 2017, 06:35 Uhr

Das derzeitige Wachstum der Stadt nach innen mit immer neuen Wohngebieten und künftig auch neuen Gewerbeflächen wird zu einem großen Teil zu Lasten vorhandener Kleingärten gehen. Es zeichnet sich ab, dass auch der Bau eines Zentralklinikums teilweise auf Kleingartenflächen erfolgen wird. Jetzt sind Kommunalpolitiker auf die Bremse getreten – zumindest kurzfristig. Die Planungen für die Kolonie „Mummsche Koppel“ wurden erst einmal auf Eis gelegt.

SSW-Vertreter Edgar Möller hätte sie gern ganz gestoppt, damit konnte er sich am Dienstag im Umwelt- und Planungsausschuss nicht durchsetzen. Er wirft den privaten Eigentümern der Fläche zwischen Schulze-Delitzsch-Straße und Campus vor, mit Kündigungen der einzelnen Parzellen „Fakten zu schaffen“ mit der Folge, dass Kleingärtner sich neue Gärten suchen, die Parzellen verfallen und die Stadt am Ende gar nicht darum herumkommt, dort Baurecht zu schaffen. „Den Weg wollen wir nicht mitgehen“, so Möller.

Auch der Dachverband der Kleingärtner möchte die Kolonie gern erhalten. „Genau die brauchen wir“, sagt Hans-Hermann Otten, Vorsitzender des Vereins der Gartenfreunde. „Mitten in der Stadt und kaum Leerstand.“ Der Besitzer der Fläche, eine Erbengemeinschaft, war an die Stadt herangetreten mit der Bitte, hier Baurecht für Geschosswohnungsbau zu schaffen (wir berichteten). Der Planungsausschuss hatte den Grundsatzbeschluss vor der Sommerpause auf den 5. September vertragt – doch jetzt wiederum nicht beschlossen. Stattdessen will man jetzt die Sitzung des Kleingartenausschusses am 21. November abwarten, bei der es um Grundsätzliches im Zusammenwirken von Stadt und Kleingärtnern gehen wird.

Einen ähnlichen Fall gibt es im Bereich Volkspark  /  Wasserturm. Der Eigentümer der Fläche der Kolonie 115 möchte hier nach dem Bauprojekt am Wasserturm eine weitere Teilfläche umwidmen und hat den Kleingärtnern angeboten, den westlichen Teil der Kolonie bis 2040 zu verpachten, den östlichen aber nur bis 2020. Zusammen mit den städtischen Kolonien 79 und 83 könnte das ein neues Baugebiet werden, das man zudem gut über die Mürwiker Straße erschließen könnte. „Einige der Pächter bemühen sich jetzt um eine freie Parzelle im westlichen Teil“, weiß Otten, aber einige Ältere würden vermutlich ihre Parzelle aufgeben.

Otten räumt ein, dass er große Probleme mit der derzeitigen Politik der Stadt hat. Es falle ihm schwer, vor die Kleingärtner zu treten und ihnen zu sagen, dass die Stadt bis 2025 rund 6000 neue Wohnungen brauche und dass man dafür ihren Garten benötige. „Braucht Flensburg wirklich so viele neue Bewohner? Wo sollen all die Arbeitsplätze herkommen?“ Er könne den Menschen keine Perspektiven bieten und wünsche sich mehr Rückendeckung von Politik und Verwaltung.

Weit auseinander klaffen die Angaben zu Leerständen in den Kolonien. Von 25 bis 30 Prozent sprach der Chef der Stadtplanung, Peter Schroeders, Dienstag im Ausschuss; laut Hans-Hermann Otten sind es nur 19 Prozent. Schroeders wandte sich in der Sitzung gegen „rote oder grüne Karten“ für einzelne Kolonien und Aussagen wie „Da dürft ihr nicht ran!“. So könne man die wachsende Stadt nicht organisieren.

Er plädierte dafür, das Konzept der Kleingärten zu überdenken. „Die sehen noch aus wie 1960“, die Stadterneuerung sei an den Kolonien völlig vorbei gegangen. Man müsse darüber nachdenken, Kolonien zu schließen und dafür andere, modernere andernorts wieder neu aufzubauen.

Otten hingegen ist sich mit SSW-Vertreter Edgar Möller darüber einig, dass Kleingärten in der Nähe von Wohnbebauung erhalten werden müssten. „Die Leute wollen dort ihren Garten haben, wo sie wohnen“, bekräftigt Flensburgs oberster Kleingärtner.

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