Flensburgs Kibbuz am Rand der Stadt

Landwirtschaftspraktikanten mit dem Pferdefuhrwerk unterwegs, begleitet vom Gutsherrn Alexander Wolff (links hinten auf dem Fahrrad). Fotos: Philipsen
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Landwirtschaftspraktikanten mit dem Pferdefuhrwerk unterwegs, begleitet vom Gutsherrn Alexander Wolff (links hinten auf dem Fahrrad). Fotos: Philipsen

1934: Auf Gut Jägerslust, im heutigen Stiftungsland Schäferhaus, lernten junge Juden das Leben in einer Solidargemeinschaft

shz.de von
05. Juli 2015, 12:50 Uhr

Ein Kibbuz am westlichen Stadtrand von Flensburg, im heutigen Stiftungsland Schäferhaus: Auf dem seinerzeit 47 Hektar umfassenden Gut Jägerslust wurden junge Juden, die angesichts der scharf antijüdischen Politik der Nazi-Regierung für sich keine Zukunft mehr in Deutschland sahen, nicht nur mit Ackerbau und Viehzucht vertraut gemacht, sie lernten auch in Theorie und Praxis, in Selbstbestimmung und Eigenverantwortlich innerhalb einer Solidargemeinschaft ihr Leben zu gestalten. Die ersten Kibbuzniks oder Chawerim (hebräisch für Genossen) kamen im Herbst des Jahres 1934 auf den Gutshof der Familie Wolff. Hauptziel war, dort ihre land- und hauwirtschaftliche Ausbildung oder Umschulung zu absolvieren. Dieses Projekt jüdischer Selbstbehauptung diente der Vorbereitung auf die Emigration und trug den Namen „Hachscharah“, womit „die Tauglichmachung und Ertüchtigung für ein Pionierleben in Eretz Israel“ gemeint war.

In den Jahren 1934 bis zum erzwungenen Ende des zionistischen Auswanderer-Lehrbetriebes 1938 absolvierten etwa 100 junge Leute, die auch als Praktikanten und Eleven bezeichnet wurden, zumindest einen Teil ihrer „Hachscharah“-Zeit auf dem Gut Jägerslust. Sie kamen beispielsweise aus Chemnitz, Breslau, Berlin, Duisburg, Mannheim, Köln, Leipzig, Mainz, Bonn, Düsseldorf und Frankfurt/Main, waren damit also eher großstädtisches Leben gewöhnt als ein landwirtschaftlich geprägtes Milieu wie am äußersten Stadtrand von Flensburg, darunter auch Richard Hausmann aus Düren und Erna Weinert aus Breslau, seine spätere Frau.

Wie viele seiner Altersgenossen hatte der junge Richard Hausmann seine Lehre abbrechen und einen neuen Lebensweg suchen müssen: „Auch wir sind zur Hachscharah gekommen, weil wir keine Zukunft mehr in Deutschland sehen konnten. Ich wurde von meiner Anstellung entlassen, weil ich jüdisch war, als das Warenhaus Leonhard Tietz ,arisiert’ wurde. Danach besuchte ich die Webschule in Aachen und nach dem dritten Semester, kurz vor dem vierten und letzten Semester, wurde mir nahegelegt, mein Textil-Ingenieur-Studium dort zu beendigen. Da ich schon seit vielen Jahren in zionistischen Organisationen tätig war, war der Weg zur Hachscharah die natürliche Folgerung davon.“

Die Einweisung der hochmotovierten jungen Leute in Praktiken der Land- und Hauswirtschaft übernahmen Gutsherr Alexander Wolff und seine Mutter Katharina, kurz Käte genannt. Alle weiteren Schulungen lagen in den Händen der Kibbuz-Mitglieder selbst. Zur Vorbereitung auf einen angestrebten Neuanfang in einem Kibbuz in Palästina gehörten – gewissermaßen als „geistige Aufrüstung“ – das Erlernen der hebräischen Sprache, die Beschäftigung mit der zionistischen Idee und der Palästinakunde sowie das Studium der jüdischen Religion, Kultur und Geschichte. So berichtet die gebürtige Leipzigerin Lotte Kaiser (später verheiratete Flegenheimer), einst hauswirtschaftliche Praktikantin auf dem Auswandererlehrgut in Flensburg: „Jeden Abend wurde Hebräisch gelernt oder jüdische Geschichte und Palästinakunde, wie man es damals nannte. Die Kurse leiteten diejenigen, die es am besten beherrschten.“ Bei diesen Lektionen war von Seiten des jüdischen Gutsbesitzers keine Unterstützung zu erwarten; denn Alexander Wolff hatte – so der einstige „Jägerslust“-Umschüler und Kibbuz-Sprecher Samuel Federmann aus Chemnitz – „keine Ahnung von solchen Dingen“. An Sabbat und an hohen jüdischen Feiertagen beschränkte sich Ihre Arbeit auf die notwendigsten Tätigkeiten auf dem Hof. Schließlich mussten die Tiere versorgt werden.

„Wir hatten ein gutes Zusammenleben im Kibbuz Jägerslust“, resümierte Richard Hausmann seine Zeit in Flensburg. „Alle hatten das gleiche Ziel, die Grundlagen der Landwirtschaft zu erlernen, um eine Einwanderung in das damalige Palästina zu ermöglichen, um dort ein jüdisches Heimatland zu verwirklichen.“ Es sei zwar eine schwere, aber auch „schöne Zeit gewesen, wir haben viel gelernt, nicht nur in der Landwirtschaft“. Gelernt, debattiert, abgestimmt und gefeiert wurde meist im so genannten Arbeiterhaus, wenige hundert Meter vom Herrenhaus des Gutes entfernt. Innerhalb des Jägerslust-Kollektivs wurden enge Freundschaften geknüpft, manche fürs ganze Leben, offiziell besiegelt vor dem Flensburger Standesamt.

Für die unmittelbare Betreuung der Hachscharah-Stätte Jägerslust war das Hamburger Büro der zionistisch-sozialistisch ausgerichteten Jugendorganisation Hechaluz (das ist hebräisch und bedeutet Pionier) zuständig. Dessen Leiter Schimon Reich zog 1936 eine Zwischenbilanz der erfolgten Aktivitäten und erwähnte dabei Flensburg, wo 1934 mit zwölf Plätzen begonnen worden war. Angesichts der weiter wachsenden Nachfrage kündigte er eine Verdoppelung der Kapazität an: „Im Augenblick steht der Kibbuz Flensburg vor der Erweiterung. Mit Hilfe der Zentralstelle Berlin gelang es uns, die Mittel für den Umbau und die Erweiterung der Räumlichkeiten zu erlangen, wir haben so die Möglichkeit, die Zahl der Chawerim in nächster Zeit auf 25 zu erhöhen.“ Weiter fügte der Hechaluz-Funktionär hinzu: „Die ländlichen Kibbuzim, deren Form sich schon eng an die Kibbuzim in Palästina anlehnt, bilden durch Primitivität, Abgeschlossenheit und durch ihre Ausbildung eine ausgezeichnete Vorbereitung für die Anforderungen des Landes (im Nahen Osten).“

Mehreren „Jägerslustern“ gelang es tatsächlich, von Flensburg aus mit Hilfe des begehrten Arbeiterzertifikats direkt nach Palästina (damals noch britisches Mandatsgebiet) auszuwandern, andere flüchteten vor den Nazis zunächst nach Dänemark, später ins neutrale Schweden. Einige der Praktikanten aber wurden wie Mitglieder der Gutsfamilie Wolff Opfer des Holocaust.

Gewalttätiger Antisemitismus war weder der Gutsfamilie Wolff noch den jungen Juden auf Jägerslust zu keiner Zeit entgegengeschlagen – bis zum antijüdischen Novemberpogrom, als in der Nacht zum 10. November 1938 der Hof und seine Bewohner sowie der Kibbuz von Nazi-Schergen überfallen wurden und damit der Arbeit der Auswandererlehrfarm in Flensburg ein abruptes Ende bereitet wurde.


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