Mindestlohn : Flensburgs Arbeitgeber unter Zugzwang

Phänomenta-Aushilfskraft Ramona Wolf (rechts) ist eine von vier Studierenden, deren Stundenlohn gestiegen ist.
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Phänomenta-Aushilfskraft Ramona Wolf (rechts) ist eine von vier Studierenden, deren Stundenlohn gestiegen ist.

Seit knapp zwei Wochen bekommen viele Beschäftigte den Mindestlohn von 8,50 Euro – Einsparungen sind vorprogrammiert.

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13. Januar 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Für die Beschäftigten vieler Betriebe in Flensburg hat das neue Jahr gut angefangen. Sie bekommen seit dem 1. Januar den Mindestlohn – 8,50 Euro pro Stunde. Nicht nur Gastronomie-Mitarbeiter, auch Bäcker, Floristen, Paketzusteller oder Aushilfen in Auto-Waschanlagen dürfen sich am Monatsende über mehr Geld freuen. Perke Heldt vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) hat errechnet, dass rund 2500 der 23  000 Vollbeschäftigten in der Stadt profitieren dürften. Mehr noch: Unter den 12  000 sozialversicherten Teilzeitbeschäftigten in Flensburg und bei den 10  560 Minijobs liege der Anteil derjenigen, die vom Mindestlohn profitieren werden, noch höher. Landesweit würden zwei Drittel der Minijobber profitieren.

Während sich die Arbeitnehmer über mehr Geld freuen, betrachten zahlreiche Arbeitgeber den Mindestlohn kritisch. Schließlich kommen auf die verschiedenen Unternehmen höhere Kosten und ein größerer bürokratischer Aufwand zu. Dann könne es nach Angaben von Stefan Wesemann von der IHK Flensburg dazu kommen, dass Gehaltsgefüge verschoben werden – sprich, die Gehälter aus den gestaffelten Tarifgruppen werden ungleich. „Die Unternehmen geraten unter Druck und haben nur zwei Möglichkeiten: Den Umsatz oder die Kosten anzupassen“, erklärt Wesemann. Das habe etwa im Gastronomiebereich Preiserhöhungen zur Folge.

Petra Schenkluhn, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, befürchtet zudem mehr Aufwand für ihre Betriebe. Dadurch, dass jede Aushilfskraft über ein Arbeitskonto verfügen müsse, komme zusätzliche Arbeit auf die Unternehmen zu. „Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen müssen jede Woche eingetragen werden und dürfen nicht älter als sieben Tage sein“, sagt sie.

Die betroffenen Betriebe sehen sich unter Zugzwang. Thorsten Oest, Inhaber von Best Car Wash am Kielseng, ist nicht glücklich mit der neuen Regelung. Er befürchtet neue Probleme: Neben den Löhnen für die Aushilfen muss er nämlich auch die der festen Mitarbeiter angleichen – was in seiner Branche überhaupt nicht möglich sei. Deshalb werde es Einsparungen geben müssen, sagt er. Er habe bereits Gespräche mit einigen seiner Aushilfen geführt. Insgesamt 40 Aushilfen sind bei Best Car Wash beschäftigt, alle bekommen seit knapp zwei Wochen 8,50 Euro pro Stunde. Um Geld zu sparen, wird Oest künftig auf Maschinen und Technik bei der Autowäsche setzen. Doch nicht nur das Personal, sondern auch die Preise der Autowäsche werden sich verändern: „Wir werden nicht daran vorbeikommen, denn wir sind jetzt schon günstig.“

Veränderungen wird es auch beim Fast-Food-Anbieter McDonalds geben. Personal-Mitarbeiterin Sieglinde Rohmann kündigt Umstrukturierungen bei der Arbeitsverteilung an, jedoch keine Entlassungen. „Verschiedene Arbeitsabläufe werden zusammengefasst und die Auszubildenden bekommen mehr Aufgaben “, erzählt sie.

Jemand, der der neuen Regelung noch positiv entgegenblickt, ist der Geschäftsführer der Phänomenta, Achim Englert – obwohl Mehrkosten von 45  000 Euro entstehen. Die Phänomenta kann jedoch mit Förderungen rechnen, Zusagen dafür gebe es bereits, sagt Englert. Zusätzlich dazu werde er auf Sponsoren zugehen. Einsparungen werde es aber trotzdem geben. Der Mindestlohn von 8,50 Euro müsse an vier Studenten gezahlt werden, Stundenstreichungen gab es schon. „Alle Betriebe müssen damit klarkommen“, betont er. Außerdem sieht er in jedem Risiko eine neue Chance: „Man kann auf sich selbst schauen und herausfinden, wie gut man aufgestellt ist“, sagt er.

Nicht betroffen vom Mindestlohn sind die studentischen Hilfskräfte der Fachhochschule. Sie werden nach dem Mindestlohngesetz für Schleswig-Holstein bezahlt und liegen bei 9,18 Euro.

Inwiefern sich die Betriebe durch den Mindestlohn verändern, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Thorsten Oest sieht aber schon weitere Probleme: „Der Mindestlohn soll jährlich angepasst werden.“ Dann wird es wohl weitere Einsparungen geben.

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