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Organspenden in SH : Flensburgerin mit Spenderlunge: „Jedes Jahr ist ein Geschenk“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Cordula Peters aus Flensburg lebt seit 20 Jahren mit einer fremden Lunge. Doch die Zahl der Organspenden ist in Schleswig-Holstein erneut gesunken.

Flensburg | Cordula Peters kann sie nicht nachvollziehen – die Klagen mancher Mitmenschen darüber, dass sie „schon wieder ein Jahr älter“ sind. Die Flensburgerin strahlt Optimismus und Lebensfreude pur aus. Und sagt: „Jedes Jahr ist ein Geschenk.“

Dass sie die vergangenen 20 überhaupt erleben konnte, ist für die 46-Jährige alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Denn Cordula Peters war schwer krank. Schon als Jugendliche leidet sie unter immer wiederkehrenden Bronchitisschüben und Lungenentzündungen, muss oft ins Krankenhaus. Die Lehre zur Krankenschwester wird zum Kraftakt, den die junge Frau mit großer Willensstärke bewältigt. Längere Zeit in ihrem Beruf zu arbeiten, ist ihr nicht möglich: Bronchiektasen – Erweiterungen der Lungen, in denen sich Sekret sammelt – machen das Atmen immer schwerer. Eineinhalb Jahre verbringt sie in der Lübecker Uniklinik, ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt. Eine Organspende verhilft der 26-Jährigen schließlich zu einem neuen Leben: Seit 20 Jahren atmet Cordula Peters mit der Lunge eines Verstorbenen – und empfindet jeden Tag Dankbarkeit für ihr „großes Glück“.

Ein Glück, das vielen Anderen nicht zuteil wird: Etwa 11.000 schwer kranke Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan. Doch die Nachwirkungen der Skandale, die das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert haben, sind weiter spürbar, die Bereitschaft zur Spende ist erneut zurückgegangen: Nach vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres bundesweit 649 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet – so wenige wie nie zuvor seit Gründung der DSO vor 30 Jahren. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 675 – und 2012 noch 829.

In Schleswig-Holstein sank die Zahl derjenigen, die postmortal ihre Organe zur Verfügung stellten, im selben Zeitraum auf 14. Im Jahre 2013 waren es von Januar bis September 20, 2012 noch 23 gewesen. Die Zahl der gespendeten Organe ging von 63 auf 47 zurück. Auf der Warteliste standen demgegenüber im August 2014 419 Patienten.

Bundesweit warten die meisten Menschen (fast 8000) auf eine neue Niere. In Schleswig-Holstein dauert es bis zur Transplantation im Schnitt fünf bis sechs Jahre, sagt Prof. Dr. Thorsten Feldkamp, Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin IV (Nieren- und Hochdruckkrankheiten) der Uniklinik in Kiel. Und jedes Jahr steigt mit der sinkenden Bereitschaft zur Organspende die Zahl der Dialyse-Patienten. Für die Betroffenen bedeute die Wartezeit nicht nur längeres Leid, sondern auch ein schlechteres Transplantationsergebnis, wenn sie erst nach Jahren eine neue Niere bekämen. „Die Organe halten dann nicht so lange, die Patienten kommen schneller wieder auf die Warteliste – das ist ein Teufelskreis“, sagt Feldkamp.

Prof. Dr. Felix Braun, geschäftsführender Oberarzt des Transplantationszentrums an der Kieler Uniklinik, bereitet vor allem die gesunkene Zahl der postmortal gespendeten Lebern Sorge (siehe Grafik). Die Folge: „Wir bekommen immer mehr Anfragen von Patienten und Angehörigen für Lebenspenden.“ Doch nur Niere und Teile der Leber lassen sich lebend spenden.

Insgesamt stabilisiere sich die Lage jedoch, urteilt Braun. Die Verschärfungen durch das neue Transplantationsgesetz seien ein Schritt in die richtige Richtung. „Trotzdem sind bessere Strukturen, verbindliche Ablaufpläne und mehr Personal in den Kliniken notwendig, um die Spenderzahlen zu erhöhen.“

Mehr Engagement in den Krankenhäusern fordert auch der Patientenselbsthilfeverband Lebertransplantierte. „Ärzte, Schwestern und das Pflegepersonal sollten bei Patienten, die vor einem Hirntod stehen, viel selbstverständlicher das Gespräch mit den Angehörigen über eine Organspende suchen“, sagt die Bundesvorsitzende Jutta Riemer. Sie forderte die Verantwortlichen in den Ländern auf, das novellierte Transplantationsgesetz endlich umzusetzen, was noch nicht überall der Fall sei.

Cordula Peters betont vor allem die Verantwortung jedes Einzelnen. Zwar sei es nach den Skandalen verständlich, wenn Menschen misstrauisch seien. Doch sollte jeder, der keinen Organspendeausweis hat, „ehrlich zu sich selbst sein“: „Wer im Notfall die Organe eines anderen annehmen würde, sollte konsequenterweise auch selbst spenden.“ Und damit – wie in ihrem Fall – einem Kranken das Glück wertvoller Lebensjahre schenken.

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erstellt am 12.Nov.2014 | 13:24 Uhr

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