150 Jahre Flensburger Tageblatt : Flensburger stürmen die Bäckereien

Die Walzenmühle (Bild von der Mehlabfüllung aus den 50er Jahren) spielte im Ersten Weltkrieg bei der Versorgung der Stadt mit Mhel eine zentrale Rolle. Fotos: Archiv sh:z/Scheich
1 von 2
Die Walzenmühle (Bild von der Mehlabfüllung aus den 50er Jahren) spielte im Ersten Weltkrieg bei der Versorgung der Stadt mit Mhel eine zentrale Rolle. Fotos: Archiv sh:z/Scheich

Wegen des Krieges wurden die Brotrationen pro Kopf verringert. 90 Prozent der Nahrungsmittel selbst produziert und gedeckt.

shz.de von
26. Mai 2015, 16:30 Uhr

Flensburg | Nach drei Jahren Krieg war 1917 der letzte Funken Euphorie auch in Flensburg gewichen. Die Menschen litten bittere Not und Hunger. Niemand hatte erwartet, dass der Krieg so lange andauern und so viele Entbehrungen mit sich bringen würde. Obwohl 90 Prozent der Nahrungsmittel selbst produziert und gedeckt werden konnten, war dies nur ein scheinbar hoher Selbstversorgungsgrad. Durch Blockaden in der Lebensmittellieferung und durch Engpässe der Futtermittel für Zug- und Lasttiere sah die Versorgungslage schon während der ersten Kriegsmonate erheblich schlechter aus.

Die Lebensmittelkarten sorgten nicht einmal für einen Bruchteil der Nahrungsmittel, die die Menschen benötigten und der Hunger machte sie wütend. Auch das Brot wurde rationiert. Im Jahr 1915 wurde eine sogenannte Brotkarte eingeführt, die dem Flensburger 200 Gramm statt bisher 225 Gramm Mehl pro Tag und Kopf zu standen. Diese standen nur denjenigen zu, die in Flensburg polizeilich gemeldet waren und sich in der Zeit regelmäßig in Flensburg aufhielten.

Für das Erntejahr 1916 wurde insbesondere mit der Walzenmühle und der Stadt Flensburg ein neuer Mehlvertrag ausgehandelt, der der Stadt zu einer Selbstversorgung mit Getreide verhalf. Dabei kam die Mühle zwar den Interessen der Stadt entgegen, indem sie die Preise senkte, stellte aber auch Bedingungen: Sie wollte in der städtischen Brotkommission durch mindestens ein Mitglied ihres Vorstandes vertreten sein und zudem die Bestätigung der Stadt haben, dass sie das alleinige Monopol für die Versorgung hatte. Die Stadt durfte nirgendwo sonst das Brotgetreide vermahlen lassen. Mit dieser Änderung ging eine Vernichtung des Mittelstandes einher, da die kleineren Mühlbetriebe kaum mehr fortbestehen konnten.

Aber nicht nur für die Walzenmühle, auch für die Stadt ergab dieser Vertrag erhebliche Vorteile: So brachte eine Versorgung durch die Reichsgetreidestelle Lieferungs-, Lagerungs- und Versicherungsgebühren und hohe Gewichts- und Mischverluste mit sich, wohingegen die Selbstversorgung all diese Kosten minimierte.

Nach dieser Vereinbarung kam es zunächst zu einer Erhöhung der Brotzuweisungen. Jedem Flensburger standen jetzt wöchentlich 2000 Gramm Brot pro Person zu, Schwerarbeitern wurde noch ein Zuschuss gewährt, nachdem diese sich über die unzureichenden Mengen an Brot beschwert hatten. Trotzdem sahen die Menschen ihre Rationen immer noch als weitaus zu gering an. Die Bäcker wurden dazu angehalten, Streckmittel zu nutzen, um aus der Menge an Mehl mehr Brot backen zu können. Doch trotz dieser Maßnahme traten Versorgungsstörungen auf, die Unmut schürten.

Im Jahr 1917 führte der Unmut der Menschen zu zahlreiche Unruhen und Tumulten. In der Zeit gab es viele Beschwerden, die auf die schlechte Lebensmittellage in Flensburg aufmerksam machten. Am 13. Juli 1917 erreichte die Unzufriedenheit der Menschen schließlich ihren Höhepunkt und richtete sich hauptsächlich gegen die Bäckereien. Insbesondere die Brotfabrik „Viktoria“, damals in der Duburger Straße 9, stand im Mittelpunkt. Die Brotfabrik wurde gestürmt. Die Menschen verlangten eine unmittelbare Auslieferung von Brot, obwohl niemand von ihnen Brotkarten oder Lebensmittelmarken vorweisen konnte. Als es ihnen verwehrt wurde, nahmen sie alles mit, was es gab, bis die gesamte Fabrik leergeräumt war. So verschwanden an dem Abend insgesamt etwa 3600 Brote.

Doch nicht nur die Brotfabrik „Viktoria“, sondern auch andere Bäckereien und Konditoreien wurden Opfer der Tumulte, wenn auch nicht in einem solchen Ausmaß. Insgesamt wurden in jener Zeit etwa 40 bis 50 Fälle bei der Polizei gemeldet, in denen einzelne Brote ohne Lebensmittelmarken entwendet worden waren.

Nach Augenzeugenberichten sollen die Menschen regelrecht hysterisch ihre Plünderungszüge unternommen und sogar teilweise ihr Leben und ihre Gesundheit riskiert haben, um an die Lebensmittel zu gelangen.

Zum Mangel an Brot kam, dass gerade in der Zeit der Preis für Kartoffeln von 40 auf 18 Pfennig pro Pfund herabgesetzt wurde und daraufhin alle Kartoffeln vom Markt verschwanden. Das führte in der Bevölkerung zu der Annahme, dass die Händler die Waren zurückhielten, bis der Preis wieder stieg.

Nach erneuten Zwischenfällen und Angriffen auf Bäckereien im September 1917 wurden auch in Flensburg öffentliche Zusammenkünfte und jegliche Form von Demonstrationen verboten.
Eine Besserung der Flensburger Versorgungslage wurde jedoch für die noch folgenden Kriegsjahre durch die Krawalle nicht bewirkt. Vielmehr kam es noch zu weiteren erheblichen Rationierungen und Engpässen, so dass die Menschen auf etwa 1000 Kalorien täglich kamen, anstatt der in Friedenszeiten gewohnten 2800 Kalorien. Insbesondere im letzten Kriegsjahr kam es sogar zu so erheblichen Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen