Gartenkolonie : Flensburger Pächter stellen Spaten in die Ecke

Es grünt überall, so auch in der Kolonie am Wasserturm. Doch überall steigt die Zahl leerer Parzellen, immer weniger Menschen wollen hacken, jäten und ernten. Foto: Staudt
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Es grünt überall, so auch in der Kolonie am Wasserturm. Doch überall steigt die Zahl leerer Parzellen, immer weniger Menschen wollen hacken, jäten und ernten. Foto: Staudt

Immer weniger Menschen wollen hacken, jäten und ernten: Der Flensburger Verein der Gartenfreunde beklagt einen starken Rückgang verpachteter Kleingärten.

shz.de von
24. April 2013, 10:17 Uhr

Flensburg | Nicht ein einziges Wildkraut ist auf dem frisch geharkten Beet zu sehen. Die 50 Jahre alten Rosen sind kurz geschnitten. Als der Schnee endlich geschmolzen war, hat es Georg Pantel, 75, nicht mehr gehalten in seiner Wohnung: Wie viele andere auch musste er raus in den Garten. Seit 48 Jahren hat er eine Parzelle in der Kolonie 119. "Ich glaube, ich bin am längsten von allen hier."

Das muss auch Pantels Parzellennachbarin einräumen, die "erst" seit 39 Jahren hier ist: "Damals gab es eine Warteliste, und wir haben den Garten nur mit Glück bekommen", erinnert sie sich. Und heute? "Schauen Sie sich um!", bittet sie. Nebenan nur hohes Gras, auf der anderen Seite ein Garten, der zuletzt 2012 eine Gärtnerhand gesehen hat. "Da war ein russisches Ehepaar drin, der Garten war tiptop. Aber die waren über 80, es ging bei ihm mit dem Rücken nicht mehr. Ich bin hier auf einer Insel, rundherum liegt alles brach."

Selbst das Wort Konkurs fiel

In Kolonie 119, obwohl sie traumhaft über dem Osbektal liegt, sind die Dinge nicht anders als anderswo in Flensburg: Immer weniger Menschen wollen einen Kleingarten haben, jedes Jahr verliert der Verein der Gartenfreunde als Dachverband der Kleingärtner in Flensburg rund 100 Pächter. Im letzten Jahr gab es 2100 Mitglieder mit insgesamt 2850 Parzellen. Es gab Zeiten, da waren im Stadtgebiet 13 000 verpachtet. Knapp 600 Parzellen stehen derzeit leer, Tendenz stark steigend. Bei einer Durchschnittsgröße von 400 Quadratmetern liegen rund 24 Hektar brach. Dies entspricht einem Pachtzins von 38.400 Euro, den der Verein der Gartenfreunde pro Jahr an die Stadt zahlen muss - ohne entsprechende Einnahmen.

Vorsitzender Hans-Hermann Otten sprach Anfang März im Kleingartenausschuss Klartext: Bei einem weiteren Rückgang gehe es so nicht mehr weiter, selbst das Wort Konkurs fiel. Otten machte mehrere Vorschläge zur Entlastung des Vereins. So sollten die Parzellen, die auf Grund ihrer Beschaffenheit nicht mehr zu verpachten sind, aus der Berechnung herausgenommen werden. Anfang März beschloss der Kleingartenausschuss nun, die finanziellen Belastungen des Vereins abzufedern. Die Bruttopacht, die der Verein an die Stadt zahlt, soll um den jeweiligen Prozentsatz des Leerstandes - also derzeit 21 Prozent - reduziert werden. Immerhin eine Summe von knapp 39.000 Euro. "Wo sollen die herkommen?", fragte Peter Schroeders, Chef der Stadtplanung, in der März-Sitzung.

"Ein Garten ist auch Verpflichtung und Arbeit"

Doch wie lässt sich der Trend aufhalten oder gar umkehren? Die Gartenfreunde wollen am Wasserturm eine Musterkolonie mit Standard-Laube, Wassertank in der Erde für eine Spültoilette und Sonnenkollektoren für den Kühlschrank bauen; damit sollen potenzielle Laubenpieper lecker gemacht werden.

Für die Mürwikerin aus Kolonie 199 ist die Sache viel einfacher: "Für Familien mit kleinen Kindern ist der Kleingarten ein Paradies." Wenn man selbst Gemüse anbaut, sieht, wie es wächst und am Ende erntet, sei das ein wunderbares Erlebnis für die Kinder. "Aber ein Garten ist auch Verpflichtung und Arbeit, nicht nur Sonne und schön." Die Satzung sei heute nicht mehr so streng wie früher; man muss heute gar keine Nutzpflanzen mehr anbauen, auch Obstbäume seien - anders als früher - nicht mehr vorgeschrieben. Und im Osbektal darf die Hecke - wegen der Rehe - auch schon mal höher als 1,50 Meter sein.

Kleingärten in Flensburg
Parzellen insgesamt: 2270 (2011: 2818)
davon freie Parzellen: 565, entspricht
25 Prozent (Stand März 2013)
Pachtzins: 14 Cent/qm pro Jahr
Pachtzahlung des Vereins der Gartenfreunde an die Stadt: 140.000 Euro (2011)

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