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Urteil im Landgericht : Flensburger Neustadt-Pate: Fast 19 Jahre in Haft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rückfall in der Bewährungszeit: Ugur E. wird nach zwölf Jahren wegen Heroinhandels zu weiteren sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2014 | 08:00 Uhr

Ugur E. hängt noch ein paar Jahre dran. Die 2. Große Strafkammer am Landgericht verurteilte den 44-Jährigen wegen Rauschgifthandels zu sechseinhalb Jahren Gefängnis. Damit erhöht sich das Haftkonto bei E. auf insgesamt 18 Jahre und sechs Monate. 2004 war er wegen Vergewaltigung, Nötigung, Sex mit Minderjährigen, Zuhälterei, Rauschgifthandel etc. zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Zweieinhalb Jahre Reststrafe von dieser Verurteilung sind noch offen.

Nach seiner vorzeitigen Entlassung auf Bewährung dauerte es nicht lange, bis E. wieder in den Fokus der Ermittler geriet. Monatelang stand der als Neustadt-Pate zu traurigem Ruhm gelangte Türke unter der Beobachtung der Flensburger Drogenfahnder.

Im Januar schlugen die Ermittler zu. Auf der A7 zogen sie eine 35-jährige Kurierfahrerin aus dem Verkehr, die im Auftrag von Ugur E. mit einem Pfund Heroin aus Rotterdam in Richtung Flensburg unterwegs war. Bei ihrer Vernehmung packte die Frau aus. Ugur E. wanderte wieder ins Gefängnis, nachdem die Polizei bei einer groß angelegten Durchsuchung weitere 600 Gramm Heroin und vermutlich aus Rauschgiftgeschäften stammende 16.000 Euro Bargeld sichergestellt hatte.

Die Polizei spielte in diesem Verfahren noch in einem weiteren Gesichtspunkt eine Rolle. In der Beweisaufnahme wurde deutlich, dass die Drogenfahndung von Zoll und Kripo ausgerechnet den schwerkriminellen Ugur E. als Vertrauensperson im Flensburger Milieu beschäftigten. Der Kontakt war offenbar 2009, also noch zu Zeiten seiner Inhaftierung geknüpft worden. Eine indirekte Einflussnahme auf den Gang des Schicksals durch die Polizei konnte die 2. Kammer daher nicht ausschließen.

Am gerüttelten Strafmaß änderte das freilich nichts. Staatsanwalt Jochen Berns hatte sieben Jahre Haft gefordert (E.s Verteidiger zwei Jahre und drei Monate). Die Kammer konnte nichts Entlastendes darin erkennen, dass E. unter dem Deckmantel des Polizeispitzels kriminelle Drogengeschäfte abwickelte.

Das Schicksal der Ermittlungen gegen E. hing zwischenzeitlich ebenfalls am seidenen Faden. Berns zufolge waren die aufgrund eines Tipps auf der Szene aufgenommenen Ermittlungen gegen E. zwischenzeitlich so gut wie tot. Das lag daran, dass E. seine Aktivitäten geradezu konspirativ verschleierte. „Die Telefonüberwachung war wenig aussagekräftig. Wir kamen kaum voran“, räumte Berns ein.

Die heiße Spur lieferte ausgerechnet der 13-jährige Sohn des Angeklagten. Der nutzte während eines Besuchs bei seinem Vater Ugur in Flensburg dessen Handy, aber mit seiner eigenen Sim-Karte. Wieder daheim wunderten sich der Sohn und die Mutter über seltsame Kurznachrichten, die auf der Sim-Karte des Sohnes gespeichert waren. Die Frau schlussfolgerte, Ugur E. sei wieder ins Prostitutionsgeschäft eingestiegen und ging zur Polizei.

Nach der Auswertung der Verbindungsdaten blickten die Fahnder durch. Der Versender der Kurznachrichten war der Lieferant des Heroins aus Rotterdam und der vermeintliche Rotlicht-Hintergrund lediglich die Verschlüsselung für das Heroingeschäft. Bei der Gelegenheit klärte sich auch, warum die Telefonüberwachung so unergiebig gewesen war. Ugur E. verfügte über einen Hunderter-Block von Simkarten. Beim schließlichen Durchbruch bei den Ermittlungen hatte Kommissar Zufall eine nicht geringe Rolle gespielt.

Das Urteil gegen E. ist noch nicht rechtskräftig. Sein wegen Beihilfe angeklagter Bruder und die geständige Kurierfahrerin kamen mit geringen Bewährungsstrafen davon.

Ob Ugur E. nach seiner nächsten Haftentlassung 2020 in Deutschland bleiben kann, ist nicht sicher. E. ist türkischer Staatsbürger und hätte schon 2004 abgeschoben werden können, als er wegen eines großen Katalogs schwerer Verbrechen zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde. Eine Klärung dieser Frage ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft erst nach Rechtskraft des Urteils möglich.

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