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Nach Verdacht auf Drogenmissbrauch : Flensburger Mädchenheim geschlossen - Heimleiter weist Vorwürfe zurück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der Wrangelstraße in Flensburg hat sich der Verdacht auf Drogenkonsum erhärtet. Die zehn Bewohnerinnen wurden in andere Häuser gebracht. Der Heimleiter vermutet einen Racheakt.

Flensburg | „Wenn ich nicht mit umziehen darf, sorge ich dafür, dass ihr es auch nicht dürft.“ Diese Drohung soll eine Bewohnerin des Jugendheims für Mädchen in der Wrangelstraße nach den Worten des Heimleiters Rolf Nagel wahr gemacht haben. Und dies hatte für die Jugendeinrichtung fatale Folgen. Die Staatssekretärin des Sozialministeriums, Anette Langer, sagte am Sonnabend im NDR-Fernsehen, dass es am Donnerstag anonyme Hinweise auf Drogenkonsum in einer Jugendeinrichtung in der Wrangelstraße gegeben habe.

Nach den Vorwürfen gegen die Einrichtungen des Friesenhofs stehen Jugendheime für Mädchen im Fokus - Beobachter befürchten, dass das Landesjugendamt dadurch übertrieben reagierte.

Am Freitag haben die Jugendämter der Stadt und des Kreises Schleswig-Flensburg die Einrichtung nach einer Prüfung von Polizei und Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Drogenmissbrauch schließen lassen. Langer stellte klar, dass vor Ort keine Drogen gefunden wurden, aber es sei offensichtlich, dass dort Rauschgift konsumiert wurde. Laut NDR-Informationen ist die Einrichtung schon länger im Visier der Jugendämter, vor zwei Wochen habe es konkrete Auflagen gegen die Heimleitung gegeben. Dabei gehe es um Defizite beim Personal und mangelnde Kommunikation mit der Heimaufsicht.

Nagel erklärte gegenüber dem sh:z zu den Vorfällen, dass eine Bewohnerin Fotos mit einem weißen Pulver gemacht habe und diese der Polizei zukommen ließ. Das Mädchen habe sich Nagel zufolge dafür rächen wollen, dass sie als einzige nicht mit in die neue Einrichtung in Langballig umziehen durfte. Dafür sollten die anderen Bewohnerinnen büßen.

Vier Jugendliche bestreiten im NDR-Fernsehen einen Drogenkonsum nicht. Dabei soll es sich um die Droge Speed handeln. Frank Lindscheid, Sprecher des Sozialministeriums, sagte Sonntagnachmittag auf Anfrage ebenfalls, dass es nach der Prüfung am Freitag Hinweise auf Drogenkonsum gebe und sich diese erhärtet haben. Er wolle sich dazu aber nicht weiter äußern. Heimleiter Nagel erklärte, dass es keine Einrichtung gebe, in der keine suchtgefährdeten Jugendlichen wohnen. „Wir betreuen aber nicht in erster Linie suchtgefährdete Jugendliche.“

Der Heimleiter ist entsetzt über den Entzug der Betriebserlaubnis. Er kritisierte die Aussagen von Langer im Fernsehen und wirft ihr „unrichtige, böswillige und schädigende Behauptungen zu unserer Arbeit“ vor. Es liege überhaupt nichts vor, was einen solchen Eingriff zu Lasten und gegen das Kindeswohl rechtfertigen könnte, sagt er. Eine 30-jährige Arbeit der Träger werde in übelster Weise diskreditiert. „Die Mädchen sind aufgelöst“, betont er, aber „die Eltern stehen hinter uns“. Für die nächsten Tage habe der Umzug an den Standort Langballig auf dem Programm gestanden.

Doch Nagel will kämpfen. „Morgen werden wir im Verwaltungsgericht in Schleswig den Antrag stellen, um die Verfügung der Jugendämter aufzuheben“, sagt er. Außerdem solle das Ministerium veranlassen, dass das Landesjugendamt die Betriebserlaubnis für den Standort Langballig erstellt, die schon lange vorliege.

Die Polizei sowie die Stadt Flensburg habe bei dem Einsatz am Freitag nur eine „Nebenrolle“ gespielt, sagt Pressesprecher Clemens Teschendorf. Die Jugendämter der Stadt und des Kreises arbeiteten eng zusammen und hätten die zehn Jugendlichen in ihre Obhut genommen und auf andere Häuser verteilt.

Nach dem Bericht über den Entzug der Betriebserlaubnis der Jugendeinrichtung durch das Landesjugendamt hagelt es Reaktionen im sozialen Netzwerk Facebook. Eine Ehemalige schreibt, dass sie über zehn Jahre in der Einrichtung gelebt und diese „eine der besten weit und breit“ sei. „Und wenn eines dort nicht akzeptiert wurde, dann waren es Drogen“, so schreibt sie. Eine andere junge Frau erklärt: „Wir waren wie eine Familie.“ Eine weitere möchte kämpfen, denn „unsere letzte Chance auf eine gute Zukunft wird kaputt gemacht“.

Die CDU-Landtagsabgeordnete Katja Rathje-Hoffmann erklärte gestern gegenüber dem sh:z, dass die Vorfälle ein parlamentarisches Nachspiel haben werden. In der nächsten Woche solle es eine Sondersitzung des Untersuchungsausschusses geben, in der Sozialministerin Kristin Alheit über den Vorfall aufklären soll. Die Opposition vermute, dass die Ereignisse in der Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof im Kreis Dithmarschen von 2015 kein Einzelfall sind. Dort sollen Bewohnerinnen gezwungen worden sein, sich auszuziehen, und gegen ihren Willen fotografiert und gefilmt worden sein.

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erstellt am 07.Mär.2016 | 07:30 Uhr

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