Wahlkampf : Flensburger Gold für die Kanzlerin

Herzlicher Empfang: Ein trockenes 'Moin' und Regenschauer begrüßten gestern Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Michael Staudt
Herzlicher Empfang: Ein trockenes "Moin" und Regenschauer begrüßten gestern Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Michael Staudt

Direktkandidatin Susanne Herold dankt der Wahlkämpferin Angela Merkel für ihre Rede auf dem Südermarkt mit einem Sixpack der Plopp-Flaschen

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27. April 2012, 08:15 Uhr

Flensburg | Schon Stunden vor dem großen Auftritt gleicht der Südermarkt einem Hochsicherheitsbereich: Absperrgitter, Polizeibeamte, Security, Mannschaftswagen. Die Fernwärme-Pumpstation der Stadtwerke unter dem Pflaster muss abgestellt werden, damit ein Sprengstoffhund seinen Job machen kann. Zwei Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes observieren das Geschehen. Der Lkw-Tross erinnert an Vorbereitungen für ein Rock-Spektakel. Weinkisten und Bierbänke werden herangekarrt, lockere Flamenco-Klänge wehen über den Platz.

Ab und zu ein neugieriger Blick von Passanten auf die Bühne. "Was, die Merkel spricht?", wundert sich einer. Und wendet sich ab. "Nee danke, dann doch lieber eine hübsche Braut von den Piraten."

Um 16.55 Uhr dröhnt Trommelwirbel, der Kanzler-Auftritt naht. Vereinzelte Buh-Rufe. Zunächst aber bedankt sich CDU-Landtagskandidatin Susanne Herold für die "prominente Unterstützung" und nimmt sie als positives Omen: "2009 haben Sie uns schon einmal Glück gebracht." Herold stellt klar: "Wir setzen auf Sieg, nicht auf Platz!"

Jost de Jager übernimmt, spricht von einer Richtungswahl. Die CDU wolle die "mit Abstand" stärkste Kraft werden, betont ihr Spitzenkandidat, "damit eine Regierungsbildung ohne uns nicht möglich ist". Deutliche Botschaften wiederholt er zur Bildungspolitik: "Wir wollen keine Einheitsschule", sagt er und "Hände weg von unseren Gymnasien". Ihm hingen die "Schulsystem-Debatten zum Halse raus". Beim Plädoyer für die Energiewende schlägt er den Bogen zu Flensburg. "Erneuerbare Energien sind das, worin die Fachhochschule und die Uni jetzt schon stark sind."

Allgemeiner, dabei ebenso kämpferisch, redet die Bundeskanzlerin. Mit ernstem Blick und starker Stimme skizziert Angela Merkel die "Leitplanken" der Politik, spricht zumeist von der christlich-demokratischen Union statt nur die Abkürzung zu nutzen. "Auch in Flensburg weiß man doch, was Exzellenz bedeutet", sagt sie mit Blick auf die Hochschulen, pickt als Beispiel aus eigener Anschauung indes das Geomar-Institut in Kiel heraus. Dem Herzen des Flensburgers näher mag sie mit ihrem aufrecht wirkenden Lob des "schönen" Bundeslandes rücken, weiß selbst nur zu gut, was Heimat bedeutet, wie sie später beschreibt. Die Kanzlerin erinnert an 90 000 neue, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze seit 2005 und plädiert für Beständigkeit mit der bewährten Regierung. Mit einem Bildungsministerium im Land unter der Ägide der Union werde Schule wieder Spaß machen und die Zukunft ohne Schulden, denn "Sparen ist kein Selbstzweck".

Banner und Plakate der gelb beschirmten Vertreter der Bürger-Initiative gegen die Kohlendioxid-Verpressung fallen auf. Merkel verteidigt den Kurs der Landesregierung auf diesem Feld im Sinne der Menschen und erklärt: "Das Thema ist vom Tisch." Nur einmal wird die Menge richtig laut; das inspiriert auch die Bundeskanzlerin zu kecken Kommentaren: "Jetzt kommen wir endlich mal zur Sache", ruft sie, nachdem sie den rot-grünen Stillstand bei Infrastruktur-Projekten getadelt hat und Schreie erntet. Das Schleswig-Holstein-Lied der Menge, ein Sechser-Träger "Flensburger Gold" von Simone Herold und Blumen von zwei kleinen Mädchen sind die Abschiedsgeschenke für Angela Merkel, bevor sie zur nächsten Rede am Abend nach Mölln reist.

Barbara Lassen fand sie "sehr erfrischend", war beeindruckend vom Charisma der Kanzlerin. Ihr Mann Hans-Uwe konkretisierte: "Auch wir sind für den Erhalt der Gymnasien und gegen Einheitsbrei." Man habe, ist sich da Ehepaar einig, Vertrauen zu dem, was sie sagt. Bernhard Rensink von der Bürgerinitiative gegen ein Kohlendioxid-Endlager hingegen wünschte sich klarere Worte zu den damit verbundenen Risiken. Ihm und seinen Mitstreitern reichte der Satz Merkels "Die CCS-Speicherung ist vom Tisch" nicht aus. "Sie sollte besser ein Verpressungsverbot für die gesamte Bundesrepublik einleiten." Laura Matthiesen, die in Flensburg studiert, vermisste lokale Bezüge. "Sie ist überhaupt nicht auf Flensburg eingegangen." Zur Situation der Uni habe sie nichts gesagt und die Problematik des Lehrermangels umschifft. "Irgendwie ist sie ja nett", meint die 24-Jährige, "aber leider in der falschen Partei."

Am Rande der Veranstaltung wurde ein 21-Jähriger von Polizeikräften überwältigt und in Handschellen gelegt - später aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Er soll rohe Eier dabei gehabt haben. Ob sie zum Einsatz kommen sollten und womöglich bei dem Zugriff zerstört wurden, ist nicht bekannt.

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