Fernmeldebereich 91 : Flensburger Fernmelder funken Aufbruchstimmung

'Nachrichtenredaktion': So wird die Einsatz- und Meldezentrale genannt, die geheime Infos aus aller Welt sammelt. Foto: Staudt
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"Nachrichtenredaktion": So wird die Einsatz- und Meldezentrale genannt, die geheime Infos aus aller Welt sammelt. Foto: Staudt

Der Fernmeldebereich 91 in Flensburg wird im Zuge der Bundeswehrreform geschlossen. Das soll den Informationsfluss beschleunigen.

shz.de von
10. November 2011, 07:36 Uhr

Flensburg | Auf eine Kaserne zu gelangen, ist schon nicht ganz einfach. Ein hoher Zaun, Schilder, die warnen: "Militärischer Sicherheitsbereich. Betreten verboten!" Auf dem Gelände oberhalb der Marineschule Mürwik geht es noch eine Nummer schärfer. Wer zum Kommandeur des Fernmeldebereichs 91 möchte, um mit ihm über die Folgen der Bundeswehrreform zu sprechen, muss sein Handy abgeben. In einer "Vereinzelungsanlage" wird der Besucher gewogen, damit er nichts mitgehen lässt. Der Zugang zu der mit alarmgesichertem Stacheldraht umgebenen Sperrzone erfolgt nur über spezielle Codekarten.
Dann empfängt Oberst Manfred Warnebold in seinem Dienstzimmer. "Uns ist es gelungen, fast 60 Jahre unter dem Mantel der Verschwiegenheit zu arbeiten", sagt der 53-Jährige. Spätestens seitdem aber der Verteidigungsminister im Rahmen der Bundeswehrreform die Auflösung des Fernmeldebereichs 91 ankündigte, wissen viele Flensburger, dass es diese Einheit überhaupt gibt. Aber was passiert hier eigentlich?
"Wir hören mit"
"Wir hören mit", sagt Warnebold. Die Soldaten fangen den Funkverkehr ausländischer Streitkräfte in Krisengebieten ab, in denen die Bundeswehr im Einsatz ist. Sie sammeln Daten über Standorte, Schlagkraft und Bewaffnung. Auch wenn "die Bösen" Operationen planen, zapfen die "Aufklärer" den Funkverkehr an, versuchen die oft kryptischen Codewörter und Decknamen zu entschlüsseln und hinter ihre Pläne zu kommen.
Warnebold sagt bewusst "die Bösen", wenn er über die Aufgaben der Truppe spricht. Denn wer wo genau im Visier der Truppe steht - das ist absolute Geheimsache. Er betont aber, dass seine Abteilung ausschließlich im Ausland aktiv ist. Auf einer großen Weltkarte in Warnebolds Dienstzimmer sind einige Länder mit kleinen Fähnchen gekennzeichnet - den Einsatzgebieten. Sie verteilen sich auf drei Kontinente.
Lageberichte aus vielen Einzelinformationen
"Geheim" - Mit diesem Stempel sind sämtliche Berichte über die aktuelle Bedrohungslage versehen, die von Flensburg über das Kommando Strategische Aufklärung in Gelsdorf bei Bonn an das Verteidigungsministerium weitergeleitet werden. "Wir müssen frühzeitig aufkommende Krisen und Bedrohungen erkennen, um möglichst frühzeitig die Einsatzkräfte vor Ort informieren zu können", erklärt der Oberst. Dazu dient die Einsatz- und Meldezentrale in Flensburg. Rund um die Uhr sind die Soldaten mit dem Ohr am Geschehen. Aus den vielen Einzelinformationen werden Lageberichte erstellt, die in einer Zeitung für den Verteidigungsminister zusammengefasst werden. "Das ist unsere Nachrichtenredaktion", sagt Warnebold. Nur heißen die Rubriken hier nicht Sport oder Politik, sondern "aktuelle Krisen" oder "Ausrüstung bestimmter Staaten". Neben Technik- und IT-Fachleuten arbeiten hier Sprachexperten, die 13 Sprachen abdecken.
Dann kommt Warnebold auf die Bundeswehrreform zu sprechen, die mit den geplanten Schließungen so viel Bestürzung im Land ausgelöst hat. Nicht jedoch beim Fernmeldebereich 91. Warnebold: "Hier herrscht Aufbruchstimmung. Hier läuft keiner mit langem Gesicht über den Flur." Von den neuen Strukturen, an denen man aktiv mitgearbeitet habe, verspreche man sich effizientere Arbeitsabläufe. "Wir haben es mit zeitkritischen Informationen zu tun, die schnell weitergeleitet, bewertet werden müssen", erklärt der Oberst. Indem ein Großteil der Soldaten vom Standort Flensburg der Abhörstelle in Stadum zugeschlagen wird, soll der Info-Fluss beschleunigt werden. In Flensburg fallen 240 Dienstposten weg. Wann die Prozessoptimierung anläuft, steht noch nicht fest.
Weltweiter Funkverkehr wird ausgewertet
Stadum sowie die mobilen Aufklärer im niedersächsischen Nienburg gehören ebenfalls zu Warnebolds Verantwortungsbereich. In Stadum dokumentieren die Soldaten mit dem Kopfhörer auf den Ohren den weltweiten Funkverkehr, der mit Hilfe des riesigen Antennenwaldes bei Bramstedtlund abgefangen wird. Von Nienburg aus werden die Soldaten in die Einsatzgebiete geschickt, um vor Ort die "elektronischen Ohren" aufzuspannen, sei es zu Land, von Schiffen oder Flugzeugen aus. Wieder in Anlehnung an den Zeitungsjargon nennt Warnebold sie "Korrespondenten".
Wenn man wie Manfred Warnebold mit dem Ohr ständig am Weltgeschehen ist, weiß man oft mehr als andere. Verfolgt er mit seiner Frau die Nachrichten zu aktuellen Krisen im Ausland, huscht ihm schon mal ein Grinsen übers Gesicht. Seine Frau boxt ihn dann in die Seite. Sie fragt aber nicht - und er sagt nichts.

Fernmelder und Aufklärer
Die Aufklärer gibt es seit Gründung der Bundeswehr vor 55 Jahren, mit Wurzeln in Flensburg. Bevor die riesigen Abhörantennen in Bramstedtlund errichtet wurden, standen sie im Twedter Feld. Anfang der 60er Jahre bezog die Fernmeldetechnische Aufklärung die Gebäude in Mürwik. Eine weitere Station gibt es in Daun in der Eifel. Zu Zeiten des Kalten Krieges blieb die geheimniskrämerische Truppe im Verborgenen, vermied den Begriff Aufklärer und nannte sich Fernmelder, da Aufklärungskräfte im Falle eines Krieges mit der Sowjetunion erstes Angriffsziel gewesen wären. Schließlich hatte man sich gegenseitig abgehört und verfügte über sensible Informationen.

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