Geschichte : Flensburger Austern in der Literatur

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An den Fürstenhöfen im Osten machten Flensburger Kaufleute gute Geschäfte mit den Schalentieren

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09. April 2018, 08:08 Uhr

Beim Thema Austern scheiden sich die Geister – einige lehnen den Verzehr entschieden ab, andere betrachten ihn als delikat. Tatsache ist: Austern haben ihre Liebhaber und die zahlen stattliche Preise. Flensburger Kaufleute haben einst mit den edlen Schalentieren gute Geschäfte gemacht, den Ruf der „Flensburger Austern“ weit über die Ostsee, bis nach Russland getragen. Sie schafften sogar den Sprung in die Literatur. Allerdings: Der Versuch, in den 1970er Jahren in der Außenförde Austern zu züchten, ging schief. Helge Berndt hat die Geschichte der „Flensburger Austern“beschrieben, die wir in lockerer Folge veröffentlichen. Heute: Flensburger Austern in der Literatur.

Gleich zu Anfang des großen Werkes von Leo Tolstij, „Anna Karenina“, ist die Rede von den Flensburger Austern, die die Romanfigur Fürst Stepan Arkadjewitsch Oblonsky mit seinem Freund, dem Gutsbesitzer Kostja Ljewin, in einem Moskauer Feinschmeckerlokal verspeist. Iwan Turgenjew stellt in seiner Novelle „Frühlingswogen“ junge Männer mit den Worten vor: „Frisch wie Flensburger Austern, die nach St. Petersburg gebracht wurden.“ Das war die literarische Spur, die Helge Berndt aufnahm und die Geschichte des Austernhandels recherchierte.

Angeblich hat schon der dänische König Knud II., der Große, um 1020 n. Chr. die Auster von England an die Westküste des Herzogtums Schleswig verpflanzt. Der dänische König Friedrich IV. verbot den freien Fang und verpachtete die Rechte, die Austernbänke an der Westküste zu bewirtschaften.

Austern waren ein beliebtes Geschenk zwischen Fürsten. So wies bereits Herzog Johann der Ältere von Hadersleben im Jahre 1576 den Amtmann von Tondern an, eine Tonne voll Austern (etwa 1000 Stück) zu liefern, die er dem Kurfürsten von Sachsen senden ließ. Dabei mag auch die Wirkung von Austern als Aphrodisiakum eine Rolle gespielt haben, wie der Schriftsteller und Abenteurer Giacomo Casanova (1725-1798) in seinen Memoiren berichtet.

Die königlichen Austernbänke an der Westküste Schleswig-Holsteins und Jütlands wurden meistens an einen Pächter als Generalunternehmer oder an eine Pächtergemeinschaft verpachtet. Dies galt auch für einen gewissen Paul Stövken aus Hamburg, der sich die schleswigschen Bänke im 17. Jahrhundert für 60 Taler pro Jahr für den Zeitraum von 20 Jahren sicherte. Der Amtmann von Tondern, Dietrich von Ahlefeldt, stellte 1658 dessen Witwe Anna Stövken zur Rede wegen der Überfischung der Austernbänke, wodurch die Bänke ruiniert und gleichzeitig der Preis für Austern in Hamburg stark gefallen sei. Der nächste Pächter zahlte daraufhin 1666 schon 600 bis 700 Reichstaler Pacht pro Jahr.

Eines der ältesten Dokumente zu diesem Thema im Flensburger Stadtarchiv ist eine Bekanntmachung des dänischen Königs Friedrich IV. vom 12. Februar 1709, in der er wissen lässt, „dass vielfältige Klagen eingekommen sind, dass die den Ämtern Ripen und Hadersleben gehörenden und dem lieben, getreuen Herrn Hans Schack, Graf von Schackenburg, verliehenen Oesterbänke . . . von unseren eigenen Unterthanen, sonderlich aus der Landschaft Bredstedt, durch unzulässiges, heimliches Befischen bei nächtlicher Weile öfters besucht und die gestohlenen Oesters anderwertig in unseren Territorien zum Verkauf gebracht wurden.“ Dies sei ein großer Schaden für die Pächter. Wenn ein Dieb überführt werde, solle er beim ersten Male eine Geldbuße von 50 Reichstalern zahlen, beim zweiten Male mit Festungsarbeit bestraft werden. Wer einen Austerndieb anzeige, solle die Hälfte der Geldbuße bekommen, die andere Hälfte solle an den Fiskus fallen.
Die leckeren Austern schmeckten also offensichtlich nicht nur hochgestellten Standespersonen, sondern auch dem einfachen Volk.

In die Regierungszeit von Zarin Katharina II. fallen die Verhandlungen über das Herzogtum Holstein-Gottorf, die maßgeblich von dem einstigen kommunalen Beamten Caspar von Saldern (1711-1786) geführt wurden. Er hatte den Aufstieg zum außenpolitischen Berater am Zarenhof geschafft.Um die Zarin gnädig zu stimmen, wurden u. a. goldene Tabakdosen verschenkt, gerne aber auch seltene und teure Delikatessen an den Zarenhof geliefert, so z. B. holsteinische Austern, die per Wagen von Høyer oder Husum nach Apenrade oder Flensburg gebracht wurden und von dort per Schiff nach Reval oder St. Petersburg. Die Zarin schätzte frische Austern sehr, und Caspar v. Saldern versuchte ihre Wünsche getreulich zu erfüllen.

Nächste Folge: Flensburger Austern in der Politik


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