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Projekt 100.000-Einwohner : Flensburg zweifelt am Zensus

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wachstum oder Schrumpfkurs? Geht es nach dem Zensus, ist Flensburg weit von einer Großstadt entfernt. Oberbürgermeister Simon Faber kündigt Widerstand gegen die jüngsten Zahlen an - denn sie bedeuten, dass die Stadt weniger Geld bekommt.

shz.de von
erstellt am 15.Okt.2013 | 07:30 Uhr

Flensburg | Auch wenn der Mikrozensus zu anderen Ergebnissen kommt: Flensburgs Stadtplanung wird sich weiter an den Kennzahlen einer Großstadt mit 100.000 Einwohnern orientieren. Im Herbst-Interview äußert Oberbürgermeister Simon Faber starke Zweifel an der jüngsten Einwohnerstatistik, die Flensburg auf nur noch 82.258 Einwohner schrumpfen ließ. „Wir nehmen zur Kenntnis, dass der Zensus ein anderes Ergebnis festzusetzen gedenkt, aber wir halten an der Auffassung fest, dass wir mit Stichtag 31. Dezember vergangenen Jahres 89.983 Einwohner hatten.“

Das klingt trotzig, aber im Rathaus hält man die Zweifel für fundiert. So fundiert, dass in der Verwaltung aktuell an der Begründung des Widerspruchs gearbeitet wird, die Flensburg gegen den amtlichen Zensusbescheid eingelegt hat. Dazu hat das Rathaus den Sachverstand zweier Mathematiker der Fachhochschule und der Uni Kiel hinzu gezogen, die eine Reihe von Widersprüchen unterfüttern sollen, die Flensburg im Zensus-Zahlenwerk aufgefallen sind. Mit schnellen Resultaten ist nicht zu rechnen, glaubt Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. „Wir sind noch nicht einmal zur Begründung des Widerspruchs aufgefordert worden.“ Dass Flensburg gleichwohl an der Begründung arbeitet, ist einem gewissen Druck geschuldet. „An der Einwohnerzahl hängen nicht nur ganz, ganz viele Planungsgeschichten dran, wie Neubaugebiete oder die Krankenhausbedarfsplanung, sondern auch Zuweisungen des Landes in Millionenhöhe“, sagt Teschendorf. „Da sollten wir schon eine vernünftige statistische Basis haben.“

Flensburg will auf eigene Faust gegen den Zensus antreten. Einer Sammel- oder Musterklage will die Stadt nicht beitreten. Nach Teschendorfs Angaben sind bundesweit mehr als 800 Städte und Kommunen im Widerspruchsverfahren. „Wir sind der Ansicht, dass es schwierig ist, die Verhältnisse zu übertragen. Bei einer Musterklage würde es nur darum gehen, einen Systemfehler zu isolieren, der für alle gleichermaßen gilt.“ Flensburg ist aber der Überzeugung, dass in der komplexen Formel ein Parameter vor Ort falsch eingestellt worden ist.

In der Verwaltung hat man Probleme mit der Plausibilität. Dem Zensus liege ein mathematisches Modell zugrunde, während bei der letzten Volkszählung wirklich jeder Einwohner gezählt wurde, argumentiert Teschendorf. Die Fortschreibung der Volkszählung aber komme für Flensburg zu Ergebnissen, die knapp unter 90.000 Einwohnern liegen und sehr gut mit eigenen Stichproben des Einwohnermeldeamtes in Deckung zu bringen ist. „Laut Zensus 2011 hätten wir selbst im Vergleich mit der Volkszählung massiv an Einwohnern verloren“, so Teschendorf. Gezählt wurden damals 86.500 Flensburger. Doch seither seien die Universitäten explosionsartig gewachsen, wurden Baugebiete erschlossen. „Plausibel wäre die Zensus-Zahl, wenn wir massenhaft Leerstände in Flensburg hätten. Doch der Bedarf nach Wohnraum“, so Teschendorf, lasse ja nicht nach. „Diesen Druck, diese Nachfrage spüren wir Tag für Tag.“

Besonders aus diesem Grund gehen die Flensburger recht optimistisch in ihr Widerspruchsverfahren. „Wenn uns niemand eines Besseren belehrt, also nachweist, dass es aussichtslos ist, machen wir weiter bis zum Schluss. Dazu steht einfach zu viel auf dem Spiel.“

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