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Flüchtlinge aus Syrien : Flensburg zum Heimathafen machen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vier Flensburger Studenten versuchen Flüchtlingen aus Krisengebieten das Ankommen in Flensburg zu erleichtern – mit ehrenamtlichen Sprachkursen, einem offenen Ohr und Behördenhilfe.

Flensburg | Sie kommen aus Eritrea, Armenien oder aus dem krisengeschüttelten Syrien. Freiwillig verlässt keiner von ihnen das Heimatland. Krieg, politische oder religiöse Verfolgung zwingt Menschen dazu – anderfalls warten Gefängnis, Lagerarbeit oder der sichere Tod. An der Flensburger Förde stranden viele Flüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres und vor allem friedliches Leben nach Deutschland kommen. Mit einem ersten Nothilfepaket ausgestattet, in dem neben Deo und Zahnbürste das eigentlich ebenso wichtige Wörterbuch fehlt. Denn viele der Asylsuchenden können kein Deutsch, einige nicht einmal Englisch. Was kann man tun, um den Asylbewerbern das ankommen in Flensburg zu erleichtern?

Die Frage stellten sich die Lehramtstudenten Dorothee Ruckelshausen, Hanna Meyer, Anne Fröhlich und Hannes Wollny. Sie alle studieren den Schwerpunkt Sonderpädagogik oder Deutsch als Zweitsprache (DaZ) an der Universität Flensburg. Anfang des Jahres wollte die kleine Gruppe etwas tun – gerade zu der Zeit, als ein Flüchtlingsboot nach dem anderen die kleine Mittelmeerinsel Lampedusa erreichte. Das Leid der Menschen ist groß, aktiv eingreifen kann man von Flensburg aus nicht. Also musste hier etwas anders werden. Die Idee zu „Sprache für Alle“ war geboren. 

„Die Sprachkurse die wir machen richten sich natürlich an Flüchtlinge, aber auch an alle anderen die Deutsch lernen wollen“, sagt Dorothee. Die 24-Jährige erklärt, dass die Kosten für reguläre Deutschkurse häufig zu hoch und die Plätze knapp sind.

„Leider haben Menschen mit ungesichertem Aufenthalt noch immer nicht die Möglichkeit, kostenlos einen Sprachkurs zu besuchen“, bedauert auch Beate Garz vom Migrationsfachdienst des Kirchenkreises Flensburg-Schleswig die Situation. Die Teilnahme an einem Kurs bei einem regulären Sprachkursanbieter sei für diesen Personenkreis zu teuer.

„Sprache für Alle“ soll aber noch mehr erreichen, als Flüchtlingen nur Vokabeln beizubringen. „Wir versuchen neben dem Sprachelernen auch Flensburg zu erkunden und mal ein paar soziale Aktivitäten mit einzubauen“, sagt Dorothee. Gemeinsames Grillen, mal ins Kühlhaus auf eine Party gehen oder Asylsuchende in den örtlichen alternativen Sportverein „Roter Stern Flensburg“ zu integrieren, soll Aufgabe des Projektes sein.

Hannes ergänzt: „Unser Ziel ist es, das Thema ‚Flucht’ und ‚Geflüchtete’ ins Bewusstsein der Menschen in Flensburg zu befördern.“ Den Geflüchteten soll die Möglichkeit geboten werden, sich einzubringen. „Das Projekt vermittelt nicht nur Sprache sondern auch ein Gefühl von Willkommen-Sein“, erklärt Garz. Das Einander kennen lernen, einander einladen, gemeinsam etwas unternehmen, all dies sei sehr wichtig für Menschen, die eine Flucht hinter sich haben und noch immer nicht wissen, ob sie hier dauerhaft angekommen sind.

Für Hannes und die anderen ist das Projekt auch ein Zeichen gegen Diskriminierung und Rassismus. „Natürlich ist es auch toll, neue Menschen aus anderen Teilen der Welt kennenzulernen und - sobald es sprachlich möglich ist - sich auszutauschen“, sagt Hannes. Die Menschen, die aus ihrem Heimatland an die Flensburger Förde kämen, würden hier niemanden kennen. Flensburg soll durch das gemeinnützige Projekt daher eine Art Heimathafen werden. „Wir wollen die Leute sein, die wir treffen wollten, müssten wir in ein anderes Land flüchten“, fasst Dorothee das Projekt zusammen, dass mit dem AStA der Universität Flensburg, dem Migrationsdienst und der Volkshochschule realisiert wurde.

Ali Almeshref, Murfhaf Alhussein Alkanaan und Mamoun Tomah kommen aus Syrien nach Flensburg. Sie sind vor dem Krieg geflohen und vor der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Dabei haben sie ihr Leben riskiert. Mamouns Frau und seine vier Söhne sind in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Ihnen wollte er die strapaziöse und gefährliche Flucht nicht antun. Dem 36-Jährigen gehörte in Homs ein großer Supermarkt mit einigen Angestellten.   

Ali ist 23 und vor dem Vormarsch der IS geflohen, sein Haus in Deir Alzoor wurde zerbombt. Er wünscht sich, in Deutschland sein Informatikstudium fortsetzen zu können, das er in Syrien abbrechen musste. Auch Murhaf hat wegen des Krieges sein Heimatland verlassen. Er studierte vor seiner Flucht Metalltechnik. Der 22-Jährige hat seinen Asylstatus gerade frisch bekommen. Jetzt wartet er darauf, dass sein offizieller Sprachkurs im Herbst beginnt. Ali und Mamoun warten noch auf ihren Asylstatus – die ID – wie sie sie nennen. Denn ohne darf man in Deutschland nichts. Nicht studieren, nicht arbeiten, keine kostenfreien Deutschkurse besuchen. Trotzdem fordern die Ausländerbehörden, dass man doch bitte Deutsch sprechen solle. Sie sind in Deutschland Menschen zweiter Klasse, dabei wollen sie nur eins: Rechte. „Es ist einfach zermürbend, du kannst nichts tun. Kannst nur schlafen, essen, schlafen, essen. Wir wollen weiter studieren oder arbeiten, aber ohne ID geht das nicht“, sagt Ali. Ohne Asylstatus kann auch Mamoun seine Familie nicht ins sichere Deutschland holen – und sie fehlt ihm. Seit März warten beide darauf, sich endlich wieder wie Menschen zu fühlen.

Klaus-Wilhelm Petersen, Programmbereichsleiter der VHS Flensburg unterstützt daher auch das ehrenamtliche Engagement der Studenten. „Das ist eine tolle Leistung und Unterstützung für Menschen, die keine Muttersprachler sind und Deutsch lernen wollen.“ Auch die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Volkshochschule würden von dieser Zusammenarbeit der Studenten mit den Migrationsberatungsstellen und der Volkshochschule profitieren, sagt Petersen. „Sie können die deutsche Sprache zusätzlich trainieren. Eine Möglichkeit, die sonst nicht besteht.“

Das Interesse am Angebot ist groß. „Ali, Mamoun und Murhaf dürfen noch nicht arbeiten, weil sie noch keinen Asylstatus haben. Sie können die Sprache nicht und sind daher dankbar für unser Angebot“, sagt die 24-Jährige Dorothee.

Zwölf leitende Studenten haben sich bereits gefunden, die in den Räumen der VHS und während der Sommerpause auch mal zuhause ihre Gruppen betreuen. Ein Flyer, der in acht Sprachen übersetzt wurde, brachte 30 Interessierte zum ersten Meeting zur VHS in der Flensburg Galerie. Und das Projekt spricht sich rum. Viele Familien und Freunde wollen den Kurs gemeinsam besuchen.

Fünf aktive Gruppen mit fünf bis zehn Kursteilnehmern treffen sich jede Woche zu einer festen Zeit. Im Schnitt sind alle zwischen 20 und 50 Jahre alt. „Das schöne ist, dass wir keine Vorgaben haben. Jeder kann den Kurs so gestalten wie er möchte“, erzählt die gebürtige Osnabrückerin, die auch mal Behördengänge begleitet oder Umzugshilfe organisiert. In den Kursen geht es um das Lernen von wichtigen Phrasen oder das Vokabellernen in bestimmten Themengebieten wie „Essen“ oder „Beim Arzt“.

„Geld für Material und Lehrbücher ist gar nicht immer das Problem, viele der Asylsuchenden wie Ali oder Mamoun hatten vorher einen festen Job, haben studiert oder eine Ausbildung gemacht“, sagt Dorothee. Viele Vorurteile bestätigen sich einfach nicht. Die meisten Menschen die nach Deutschland flüchten, möchten eine neue Chance, suchen Arbeit und wollen vor allem in Sicherheit leben. Die Behörden sind dabei teilweise ziemlich unfreundlich zu den Flüchtlingen, musste Dorothee feststellen. „Wenn man dann selbst mit denen telefoniert, sind sie gleich etwas freundlicher.“

In Flensburg stranden viele Asylsuchende zuerst im Hostel oder im Obdachlosenheim Wilhelminental. Die Behörden helfen mit der Wohnungssuche, weshalb viele dann in Wohngemeinschaften in normalen Mietwohnungen unterkommen. Bis dahin sei es allerdings ein weiter Weg, erklärt die 24-Jährige.

Schwierig wäre es, wenn ein Flüchtling eine seltene Sprache spricht. „Es gibt Asylsuchende aus Eritrea, die ‚Tigrinya’ sprechen“, sagt die Studentin. Tigrinya ist eine semitische Sprache, die in Eritrea und Äthiopien von nur etwa neun Millionen Menschen gesprochen wird. Wörterbücher „Deutsch-Tigray-Tigray-Deutsch“ kann man in Deutschland aber nicht kaufen. „Hier ist die Verständigung dann etwas schwerer“, sagt Dorothee. All das braucht Zeit, aber das wird.

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erstellt am 06.Sep.2014 | 10:00 Uhr

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