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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Flensburg versinkt im Faulschlamm

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Biblische sieben Jahre sollte die Stadt auf ihren wachsenden Schlammbergen sitzen bleiben. Der Flensburger Hafen drohte zu verlanden, die Marine konnte kaum in See stechen.

Flensburg | Baggern gehört zum Geschäft. Fast jede Hafenstadt hat einen natürlichen Gegner, den sie stets in Schach halten muss, um Hafenstadt zu bleiben: die Versandung. Im Flensburger Hafen sind neben Meeresströmungen vor allem die Zuläufe Lautrupsbach, Mühlenstrom, Osbek, Lachsbach und Glimbek dafür verantwortlich, dass kontinuierlich Sedimente ins Hafenbecken gespült werden. Das führt regelmäßig zu Konflikten mit der Hafennutzung. Wenn Schiffe erst auf Schiet festsitzen, ist es allerhöchste Zeit für den Bagger. Aber das war 1991 mit einer ehrgeizigen neuen SPD-Landesregierung und dem Wissenschaftler Berndt Heydemann als Umweltminister plötzlich gar nicht so einfach. Der Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie drohte den Hafen stillzulegen.

Vor Anbruch des ökologischen Zeitalters war alles ganz einfach. Die Stadtwerke unterhielten einen urtümlichen Eimerkettenbagger, der Jahr für Jahr mit seinem ölverschmierten Räderwerk rumpelnd und quietschend 12.000 Kubikmeter Schlamm vom Hafengrund kratzte, die auf Schuten verladen und dann im Kollunder Tief verklappt wurden. Der Dampf-getriebene Leviathan war schon 1886 beschafft worden – erst 1972 wurde er durch einen moderneren Greifbagger ersetzt, der die Geschäfte weiter führte – dreckige Geschäfte. Das Hafenbecken wurde unverblümt als „Vorfluter“ geführt, der jede Menge ungeklärten Schiet aufnehmen musste. Wenn zeitgenössische Quellen aus den frühen 70er Jahren von „Faulschlamm“ berichten, dann roch der auch so.

Flensburg war ein viel befahrener Hafenplatz. Zu Industrieabwässern kam über Jahrzehnte der Abrieb giftiger Unterwasseranstriche hinzu; und wenn an Bord beim Rostklopfen und Pönen mit Bleimennige ein halber Eimer übrig blieb, landete der bestimmt nicht in der Farb-Last, sondern im Hafenbecken. Gelegentlich wurde über die Bordpumpe ganz ungeniert die eine oder andere Bilge entleert. Das nahm man über Jahre nicht so genau.

Schlussendlich hatte auch die Kanalisation ihre Tücken, denn Regen und Schmutzwasser wurden im Klärwerk noch nicht getrennt verarbeitet. Wenn also ein kräftiger Guss das Klärbecken zum Überlaufen brachte, schwabbelten regelmäßig allerhand unappetitliche Beilagen in der Förde. Kurzum: Die für heutige Besucher so abwechslungsreiche und stimmungsvolle Erlebniswelt des Hafens mit ihren Restaurants, Wasserterrassen und Liegeplätzen für Sportboote und Luxusyachten war lange, lange Zeit stark getrübt. Regelmäßig litten die Flensburger unter dem Gestank von Faulgasen, die aus dem Modder blubbernd nach oben entwichen. Sie wussten: War es erst einmal so weit gekommen, wurde es höchste Zeit für den klärenden Bagger-Eingriff.

Zum Leidwesen von Wirtschaft, Verwaltung und Politik funktionierte das Ende der 80er Jahre nicht mehr. Damals hatte Flensburg große Pläne mit seinem Hafen. Die Stadtwerke wollten ihre Kohlepier modernisieren und hatten dafür an Land schon vorausschauend hochmoderne Infrastruktur mit enormer Umschlagskapazität geschaffen. Auf der gegenüber liegenden Seite wollte man einen Anleger für Ostsee-Kreuzfahrer bauen, insgesamt sollte der Hafen an den städtischen Piers so vertieft werden, dass auch dicke Pötte genügend Wasser unterm Kiel vorfinden. Für all das und noch viel mehr winkte eine neue und daher spendierfreudige Landesregierung zudem noch mit viel, viel Geld. Bis zu 25 Millionen Mark hatte Kiel für ein Regionalprogramm reserviert, um hier die maritime Attraktivität zu steigern. Doch es war dieselbe Landesregierung, die jede Investition blockierte.

Das Problem aus Flensburger Sicht hieß Berndt Heydemann. Der Naturwissenschaftler, Professor an der Christian-Albrechts-Universität, war parteiloser Minister für Natur, Umwelt und Landesentwicklung geworden. Und wie so mancher Seiteneinsteiger wollte Heydemann in den Umwelt-bewegten 80ern ein Zeichen setzen– ein Stopp-Zeichen in diesem Fall. Er verbot den Flensburgern, ihren Hafenschlick wie bisher an anderer Stelle wieder ins Meer zu kippen. Biblische sieben Jahre sollte die Stadt auf ihren wachsenden Schlammbergen sitzen bleiben.

Für große Schiffe war beim Besuch in Flensburg äußerste Vorsicht geboten. Polnische Kohlefrachter liefen die Stadtwerke-Pier sicherheitshalber halb abgeladen an. Auch am Harniskai gab es verschiedentlich Grundberührungen, an der Hafenspitze guckte häufig das vom Mühlenstrom eingeschwemmte Sediment mattschwarz aus dem Wasser, an der Nordertorpier waren es teilweise nur noch 1,50 Meter bis zum Grund. Zwischenzeitlich schien gar die Verteidigungsbereitschaft eingeschränkt: die Bundesmarine im Stützpunkt klagte über Niedrigwasser und Tiefgangsprobleme mit ihren nagelneuen Flottendienstbooten, in den Sportboothäfen erging es den Freizeitschippern nicht besser. Aber ungerührt von allem Jammern und Klagen prüfte das Kieler Umweltministerium in aller Seelenruhe weiter.

Wer in Flensburg mit dem Hafen zu tun hatte, musste das verständlicherweise vollkommen unverständlich finden. Andererseits ist das, was in Heydemanns Ministerium damals bewegt wurde – nämlich die Analyse des Baggergutes, Differenzierung nach verschiedenen Schadstoff-Kategorien und schließlich die wissenschaftlich fundierte Festlegung passender Entsorgungswege – heute ein anerkanntes Verfahren, jedenfalls theoretisch. Aber das konnten die hart geprüften Flensburger damals nicht wissen, denen ihr Schlick langsam aber sicher über den Kopf wuchs.

In der Not entstanden teils verwegene, teils wirre Pläne. Ein vorübergehend hier unternehmerisch tätiger Nachfahre des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann wollte den Innenhafen abriegeln, auskoffern und das Baggergut an Land entsorgen – etwa im Industriehafen, der teilweise zugeschüttet werden sollte. Die Stadtwerke interessierten sich für ein von der Firma Integral im Technologiezentrum entwickeltes Verfahren, dem Gift mit den Bakterien „Chlorella Vulgaris“ und „Ulva Lactura“ beizukommen, die bevorzugt Schwermetall vernaschen. Parallel wurde erwogen, die Schlickentsorgung mit dem damals noch in Planung befindlichen Projekt „Gara“ (Gaserzeugung aus Restabfall) zu koppeln und den Schiet einfach durch den Stadtwerke-Schornstein zu pusten. Geprüft wurde ferner, 80  000 Kubikmeter Schlick zur Erdenherstellung nach Brandenburg zu karren, Kiel wollte ein Spezialschiff bauen, um kontaminierten Boden ambulant zu behandeln. Dazu passend: Versuche mit „Tibean“, einer Tiefenwasserbelüftungsanlage, die der erschöpften Innenförde Sauerstoff einhauchen sollte.

Nichts von dem wurde umgesetzt. Das Ende war ganz und gar unspektakulär. Schon Ende 1994 durften die Stadtwerke ihre Kohlepier freigraben, im Sommer 1996 erledigte das dänische Baggerschiff „Kristina Høj“ den Rest. Fünf Meter Tiefe an der Westseite, drei an der Ostseite – noch kurz die Hafenspitze rasieren und fertig. Und der Schlick? Wurde in ein tiefes Loch in der Galwik-Bucht gekippt. Mit Genehmigung des Umweltministeriums. Übrigens: 20 Jahre danach keimen in Flensburg erste Überlegungen für neue Baggerungsarbeiten. . .

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