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Ehemalige Lufthansa-Maschine : Flensburg verärgert über Gabriels „Landshut“-Votum

vom
Aus der Onlineredaktion

Drei Städte bewarben sich darum, das Flugzeug in einem Museum präsentieren zu dürfen. Nun steht der Sieger fest.

shz.de von
erstellt am 27.Jul.2017 | 12:12 Uhr

Flensburg | Monatelang war offen, wer die von Terroristen 1977 entführte, ehemalige Lufthansa-Maschine „Landshut“ in einem Museum präsentieren darf. Darum bemüht hatten sich Flensburg, Friedrichshafen am Bodensee und das bayerische Landshut. Am Donnerstag wurde die Entscheidung bekannt: Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) und seine Berater gaben dem Dornier Museum in Friedrichshafen den Vorzug, das bereits zahlreiche Flugzeuge ausstellt.

Die „Landshut“ ist das technisches Symbol für den Deutschen Herbst 1977. Die damals neue Sondereinheit GSG-9 hatte im Oktober 1977 mit der Befreiung der über 80 Landshut-Geiseln im somalischen Mogadischu Geschichte geschrieben. Palästinensische Terroristen wollten mit der Aktion auf dem Höhepunkt des „Deutschen Herbstes“ inhaftierte Terroristen der Rote-Armee-Fraktion freipressen.

Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange akzeptiert nach eigener Aussage das Votum. „Herzlichen Glückwunsch nach Friedrichshafen“, sagte sie gegenüber shz.de. Die Sozialdemokratin kritisierte allerdings die Art und Weise des Zustandekommens der Entscheidung. „Uns war ein offizielles Wettbewerbsverfahren zugesagt worden, in dem wir unsere Ideen und unser Konzept vorlegen könnten. Diese Chance haben wir nun nicht mehr. Das ist bedauerlich.“

Die frühere Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Fortaleza (Brasilien).

Die frühere Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Fortaleza (Brasilien).

Foto: dpa
 

Bürgermeisterin erfuhr Entscheidung aus der Presse

Dass Friedrichshafen das Rennen machte, erfuhr Lange aus den Medien, wie sie berichtete. Sie sei „ziemlich überrascht, natürlich auch enttäuscht“ gewesen. Nach Meinung der Oberbürgermeisterin hätte es Flensburg verdient gehabt, sich präsentieren zu dürfen. Natürlich stehe es dem Bund frei zu entscheiden, wo das Flugzeug seinen festen Platz erhalte. Schließlich sei ja ein Bundesmuseum geplant. „Aber der Stadt Flensburg mitzuteilen, es wird einen Wettbewerb geben und Sie, die Oberbürgermeisterin, werden den Startschuss dazu mitbekommen, ohne dass es dann dazu kommt, ist kaum nachvollziehbar.“

Lange stellte auch die Frage, wie Gabriels Vorgehensweise bei „einem engagierten Bürger wie Thomas Liebelt“ ankommt. Der Flensburger Kaufmann, der für das Wissenschaftsmuseum „Phänomenta“ ehrenamtlich tätig ist, war nach eigenem Bekunden bereit, die Stadt konzeptionell und finanziell zu unterstützen. „Wenn eine Fläche zur Verfügung gestellt wird, stehe ich dafür, dass da ein vernünftiges Museum hingebaut wird“, hatte er betont. Die Oberbürgermeisterin sagte nun: „Wir haben viel Zeit investiert, Herr Liebelt auch privates Geld.“ Umso bedauerlicher sei das Vorgehen des Außenministeriums. „Das müssen wir noch auswerten. Dazu werden wir uns hinsetzen und klären: Wie geht man zukünftig mit solchen Sachen um?" Liebelt war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ehemaliger Co-Pilot lebt heute in Quickborn

Jürgen Vietor, der als Co-Pilot zu den Geiseln in der „Landshut“ gehörte, in Flensburg seine Offiziersausbildung machte und heute in Quickborn lebt, hätte sich gefreut, wäre die Maschine in den Norden gekommen. „Ich fand es toll, dass es die Stadt versucht hat.“ Allerdings sei die Entscheidung auch „nicht schlecht“ und nachvollziehbar, da Friedrichshafen im Dreiländereck Deutschland, Schweiz und Österreich liegt. „Wer reist schon nach Flensburg?“, fragte der 75-Jährige.

Flensburg, Landshut und Friedrichshafen hatten erklärt, die „Landshut“ nicht einfach nur hinstellen zu wollen, sondern mit einer eigens konzipierten Ausstellung zu versehen, um den historischen Hintergrund zu erläutern. Flensburg und Landshut waren bereit, extra ein Museum zu errichten, sollte die Finanzierung hinhauen.

Die „Landshut“ steht momentan im brasilianischen Fortaleza, rund drei Flugstunden nördlich von Rio de Janeiro. Außenminister Gabriel möchte sie bis Oktober nach Deutschland holen. Dann jährt sich der Deutsche Herbst zum 40. Mal. Im Jahr 1977 erreichte der Kampf der Bundesrepublik gegen den Linksterrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) einen traurigen Höhepunkt.

Der Hintergund der „Landshut“

Die „Landshut“ war am 13. Oktober 1977 von RAF-Mitstreitern entführt worden. Fünf Tage später beendete die GSG-9 die Geiselnahme in der somalischen Hauptstadt Mogadischu gewaltsam. Die Eliteeinheit befreite mehr als 80 Passagiere und Crewmitglieder körperlich unverletzt.

Die Bundesregierung soll die „Landshut“ für umgerechnet 20.000 Euro gekauft haben. Transport und Restaurierung werden mit einem einstelligen Millionenbetrag veranschlagt. Wer das Geld konkret aufbringt, ist bisher nicht bekannt. Dass Dornier Museum hatte die Stadt Friedrichshafen um finanzielle Hilfe gebeten.

Gabriel erklärte der „Bild“-Zeitung: „Die ‚Landshut‘ hat es verdient, in Deutschland eine letzte und würdige Heimat zu finden. Ihre Geschichte ist auch heute noch spannend und auch wieder hochaktuell, in Zeiten, in denen ein ganz anderer Terrorismus unser friedliches Zusammenleben bedroht.“ Nach Meinung des Ministers geht von der „Landshut“ die Botschaft aus: „Wir lassen uns nicht unterkriegen. Dem Terrorismus werden wir uns nicht beugen, wir sind stärker.“

Ziel der Entführer der Boeing (Modell 737-200) war es, die RAF-Führungsmitglieder aus dem Gefängnis in Stuttgart-Stammheim freizupressen. Chefpilot Jürgen Schumann war mit einem Kopfschuss getötet worden. Die Eliteeinheit GSG-9 erschoss drei Terroristen und verletzte eine Komplizin schwer. Die Nachricht von der geglückten Geiselbefreiung wurde rasch in Deutschland vermeldet.

<p>Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ nach der Landung in Mogadischu (Somalia). Fast 40 Jahre nach der Entführung der Lufthansa-Maschine gibt es in der Bundesregierung Überlegungen, eine Verschrottung des Flugzeugs zu verhindern.</p>

Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug „Landshut“ nach der Landung in Mogadischu (Somalia). Fast 40 Jahre nach der Entführung der Lufthansa-Maschine gibt es in der Bundesregierung Überlegungen, eine Verschrottung des Flugzeugs zu verhindern.

Foto: dpa

In den Morgenstunden des 18. Oktober 1977 nahmen sich die RAF-Terroristen Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader das Leben. Wiederum einen Tag später verkündete die RAF die Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die dramatischen Ereignisse gingen als Deutscher Herbst in die Geschichtsbücher ein. Die „Landshut“ gilt als technisches Symbol jener bewegten Zeit.

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