150 Jahre Flensburger Tageblatt : Flensburg unter der Pickelhaube

Gebautes Preußentum: Die neuen Herren setzten Zeichen auf den Flensburger Höhen. Das Gerichtsgebäude am Südergraben (hinten) wird gern als „preußische Einschüchterungs-Architektur“ verspottet, die einstige Mädchen-Mittelschule (vorn) gehört zu einem Kranz ähnlicher Schulbauten, die noch heute im Stadtbild zu finden sind. Die Schule wurde für die Erweiterung der Justiz abgebrochen.
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Gebautes Preußentum: Die neuen Herren setzten Zeichen auf den Flensburger Höhen. Das Gerichtsgebäude am Südergraben (hinten) wird gern als „preußische Einschüchterungs-Architektur“ verspottet, die einstige Mädchen-Mittelschule (vorn) gehört zu einem Kranz ähnlicher Schulbauten, die noch heute im Stadtbild zu finden sind. Die Schule wurde für die Erweiterung der Justiz abgebrochen.

1867: Die Fördestadt wird preußisch und ist plötzlich Grenzstadt in der Provinz – das hat Folgen für die wirtschaftliche, nationale und soziale Lage.

shz.de von
29. Januar 2015, 15:00 Uhr

Flensburg | Mit dem Jahr 1867 beginnt für Flensburg eine neue Zeit: Nach dem Sieg im deutsch-dänischen Krieg annektiert Preußen die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Von nun an gehört Flensburg nicht mehr zur dänischen Monarchie, sondern zum deutschen Großstaat Preußen und nach der Reichsgründung im Jahr 1871 zum Deutschen Reich.

Eine Entwicklung, mit der zunächst längst nicht alle Flensburger zufrieden sind. In den Wahlen der Übergangszeit entscheidet sich die Hälfte der stimmberechtigten Bürger für die dänischen Kandidaten – sie wollen eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen. Auch die andere Hälfte lehnt die Verbindung mit Preußen strikt ab – und sympathisiert mit der sogenannten Augustenburgischen Bewegung. Diese wünscht sich einen unabhängigen Kleinstaat Schleswig-Holstein.


Zeit des Umbruchs


Die Vorbehalte gegen Preußen bleiben erst einmal bestehen – kein Wunder, wie der Flensburger Stadtarchiv-Leiter Broder Schwensen erklärt: „Der Flensburger Wirtschaft ging es in den ersten Jahren nach der dänischen Niederlage nicht gut.“ Solange Schleswig und Holstein noch zu Dänemark gehörten, hatte Flensburg zentral zwischen Kopenhagen und Hamburg gelegen und war wirtschaftlich auf diese Region ausgerichtet gewesen. Plötzlich aber ist Flensburg Grenzstadt in der preußischen Provinz und muss mit der viel weiter entwickelten westdeutschen Industrie konkurrieren. Gleichzeitig gehen die dänischen Absatzmärkte durch die Verlegung der Zollgrenze verloren.

Die Jahre bis 1874 sind deshalb eine große Umbruchzeit in Flensburg. Zahlreiche kleine, familiengeführte Betriebe wie Tabakfabriken, Brennereien und lederverarbeitendes Gewerbe müssen schließen. Stattdessen schließen sich die wichtigen Reeder- und Kaufmannskreise in der Stadt zu großen Kapital- und Aktiengesellschaften zusammen. So entsteht etwa die Flensburger Dampfschifffahrtsgesellschaft, die Schiffwerft AG (FSG), die Aktienbrauerei in der Neustadt und die Privatbank (heute Hypovereinsbank).

Dieser Wandel zahlt sich in den 1870er und 1880er Jahren aus – durch den Wandel in der Flensburger Wirtschaft und die Reparationszahlungen der Franzosen aus dem deutsch-französischen Krieg ans Kaiserreich kommt es zu einem großen Aufschwung. In Flensburg wird viel in die Infrastruktur investiert, was Stadtarchivar Schwensen zufolge auch zu einer veränderten Einstellung der Bevölkerung führt: „Wenn es einer Stadt wirtschaftlich gut geht, dann ist die Begeisterung für die Stadtherren auch größer.“


Industrialisierung in Flensburg


Es gibt nun keine Alternativen mehr zu den preußischen Verwaltungsverfahren: Eingeführt werden einheitliche Maßeinheiten und Eichverfahren und es entsteht eine Handels- und eine Handwerkskammer. Schwensen vergleicht die damaligen Vorgaben aus Preußen mit den heutigen aus der Europäischen Union: „Was heute Brüssel ist, war damals Berlin.“ Nach und nach wird Flensburg konkurrenzfähig und ist vor allem im Schiffbau, in der Metallindustrie, mit seinen Reedereien und Brauereien erfolgreich. „Die alten Strukturen von Herr und Geselle gab es nicht mehr“, sagt Schwensen, „stattdessen entstanden Großbetriebe mit ganz neuen Strukturen. Es entwickelten sich Arbeitervereine, Gewerkschaften und Arbeiterbauvereine – die ganzen Entwicklungen, die man von Krupp aus dem Ruhrgebiet kennt, kamen auch nach Flensburg. Nur eben 20, 30 Jahre später.“ Aus heutiger Sicht sind die Arbeitsbedingungen trotzdem extrem hart: Die Arbeiter haben eine 60-Stunden-Woche, arbeiten sechs Tage in der Woche und zehn bis zwölf Stunden täglich. Erwachsen ist man bereits mit 14 Jahren, nach dem Abschluss der Volksschule. „Die Jugend ist eine völlig neue demographische Kategorie – es gab damals nur Kinder und Erwachsene“, sagt Schwensen.


Die soziale Frage


Die Bevölkerung steigt in dieser Zeit extrem an: 1860 leben noch keine 20  000 Menschen in Flensburg, 1914 sind es bereits über 60  000. Der Grund: Landflucht, Eingemeindungen und auch ein steigendes Lebensalter der Flensburger. Denn die Preußen bauen auch die Krankenhäuser aus und setzen die wissenschaftlichen Standards aus Berlin in Flensburg um. Gleichzeitig entsteht ein neues Gerichtsgebäude, verschiedene Schulen und die Duburg-Kaserne. Um die Hafenspitze herum werden der Hauptbahnhof und die Reichspost mit einer Telegrafenstation gebaut. Auch das Verkehrswegenetz wird extrem ausgebaut – „so dass man beinahe so schnell wie heute von Flensburg nach Berlin reisen konnte“, wie Schwensen sagt.

Bei all diesen Entwicklungen habe die nationale Frage spätestens um 1900 keine Rolle mehr gespielt. „Viel wichtiger waren die sozialen Fragen, die durch die aufkommende Sozialdemokratie gestärkt wurden“, schildert Schwensen. Das zeigt sich auch an den Wahlergebnissen aus dieser Zeit: Der Anteil der Sozialdemokraten verzehnfacht sich, während der dänische um ein Viertel schrumpft. Schwensen: „Solange nicht genug auf den Tisch kommt, ist die Frage, ob man deutsch oder dänisch ist, ein Luxusproblem.“

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