Buchprojekt in Flensburg : Flensburg schreibt Kirchengeschichte

Historiker unter sich: Broder Schwensen (l.) und Stephan Linck mit dem Band „Bruchlinien“ zum Kirchen-Streit.
Historiker unter sich: Broder Schwensen (l.) und Stephan Linck mit dem Band „Bruchlinien“ zum Kirchen-Streit.

Gesellschaft für Stadtgeschichte bringt Buch über Krieger-Gedenken und Kirchen-Streit vor 50 Jahren heraus

shz.de von
10. Januar 2017, 10:45 Uhr

Flensburg | Tackesdorf gehört zu den wenig bis gar nicht bekannten Orten in Schleswig-Holstein. Dennoch ist das letzte Kapitel in der jüngsten Veröffentlichung der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte „Herbstlaub in Tackesdorf“ überschrieben. Denn dort am Nord-Ostsee-Kanal, 22 Kilometer südwestlich von Rendsburg, liegt seit nunmehr 45 Jahren jener „Steinerne Krieger“, der vor 50 Jahren zum Flensburger Kirchen-Streit geführt hat. Ihm ist Band 83 der Schriftenreihe gewidmet, der morgen öffentlich präsentiert wird.

Der Streit um das Denkmal, das drei Pastoren seinerzeit aus der Marien-Kirche verbannten (wir berichteten gestern), spaltete damals die Gesellschaft, bescherte der CDU eine Zerreißprobe und dem Flensburger Tageblatt ganze Seiten mit Leserbriefen – unter anderem von Justizminister Gustav Heinemann – und der Stadt Flensburg überregionale Schlagzeilen, weil bundesweit bedeutsame Medien wie Spiegel, Stern und Zeit über das Thema berichteten.

Stadtarchivdirektor Broder Schwensen, Herausgeber des Bandes, erinnert daran, dass es damals durchaus üblich war, in oder vor Kirchen mit Tafeln und Denkmalen an gefallene Soldaten der beiden Weltkriege zu erinnern. Doch für die drei Pastoren Jastram, Krause und Friedrichs gehörte das Gedenken an im Krieg getötete Soldaten nicht in die Kirche. Auch hat die Kirche damals einen geplanten Gedenkgottesdienst der sogenannten „86er“, eines Soldatenverbandes, verhindert; Rückendeckung bekamen die Pastoren von Propst Wilhelm Knuth.

Autor Stephan Linck ordnet den Kirchen-Streit ein in eine Zeit des Wandels, der damals vielerorts spürbar wurde. Erstmals waren Politiker bereit, auf die Ostgebiete zu verzichten. Gleichzeitig erstarkte die NPD und zog 1966 in den Kieler Landtag ein. In gewisser Weise sei der Pastorenstreit ein Vorläufer der Studentenrevolte gewesen. „Die Flensburger Pastoren wurden zu einer Chiffre eines linken Aufbruchs.“

Einer der Gegenspieler des Pastoren-Trios war Prinz Friedrich Ferdinand, Sprecher der Soldaten- und Kriegsopferverbände. Gestritten wurde auch im Rotary-Club, dem der Prinz ebenso wie Propst Knuth angehörte – und den er wegen des Streits verließ. Auch das wird in Lincks Buch thematisiert.

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