Flüchtlinge : Flensburg sagt „Herzlich willkommen!“

Blick ins Publikum.
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Blick ins Publikum.

Initiative um Landtagsabgeordnete Simone Lange organisiert Fest im Galwik-Park: Politische Prominenz und Ehrenamtler setzen Zeichen für eine bunte, offene Stadt

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01. Juni 2015, 06:30 Uhr

Flensburg | Die Initiative für ein buntes Flensburg setzte einmal mehr ein Zeichen – in Form eines kurzfristig organisierten politischen Fests unter dem Motto „Willkommen in Flensburg“. Damit wolle man „dem Begriff Willkommenskultur in unserem Land reale Gestalt geben“, so die Ankündigung. Hintergrund ist die weltweit steigende Zahl an Flüchtlingen aus Krisengebieten, die nach Deutschland streben und damit auch nach Schleswig-Holstein kommen. Das Land plant, wie berichtet, drei größere Erstaufnahme-Einrichtungen, unter anderem eine in Flensburg, die bis zu 600 Flüchtlinge aufnehmen und auf dem Campus errichtet werden soll.

Für ihr Willkommensfest hatte das Team um SPD-Landtagsabgeordnete Simone Lange prominente Unterstützung gewinnen können. So plädierte Ministerpräsident Torsten Albig (der innerhalb weniger Tage bereits zum vierten Mal eine Ansprache in der Fördestadt hielt) für diese Form der Erstaufnahme, weil sie den häufig verängstigten Flüchtlingen Zeit gebe, sich zu akklimatisieren. „Und niemand von uns muss Angst haben, nur weil diese Menschen anders sprechen und aussehen. Wir sollten es einfach versuchen und aus dem ‚sie‘ ein ‚wir‘ machen“, sagte Albig unter Beifall. Er erinnerte daran, dass etwa eine Million Menschen in der Nachkriegszeit ins Land gekommen seien und es in seiner heutigen Form maßgeblich mitgeprägt hätten. „Lassen Sie uns ein Flensburg, ein Schleswig-Holstein sein, damit wir in 50 Jahren wieder solch einen positiven Blick zurückwerfen können“, appellierte er.

Einig waren sich weitere politische Entscheidungsträger im Umgang mit Ängsten in der Bevölkerung: „Diese sollten wir wahrnehmen, erklären und mit Offenheit darstellen, zu welch Ergebnissen Toleranz im Umgang mit Flüchtlingen führt“, sagte Ingbert Liebing, Bundestagsabgeordneter der CDU. In seinem wortstarken, zunächst auf Dänisch vorgetragenen Beitrag erklärte Flemming Meyer vom SSW, dass Integration immer ein langfristiger Prozess sei. Mit Blick auf die von ihm vertretene dänische Minderheit betonte er, dass er persönlich großen Wert auf Integration, jedoch nicht Assimilation lege.

Umweltminister Robert Habeck rief dazu auf, sich „unserem ethischen Kompass“ verpflichtet zu fühlen und diesen auf ein gutes Zusammenwirken von Schleswig-Holsteinern und aus Not und Krieg Geflohenen auszurichten. Uni-Präsident Werner Reinhart empfahl, mit dem Thema angemessen unaufgeregt und gelassen umzugehen. Mit Studierenden aus aller Welt und einer auf Europa ausgerichteten Universität habe die Region bereits ein multikulturelles Gesicht. „Eine Willkommenskultur muss jedoch auch geplant sein, was wir in mehreren Arbeitsgruppen bereits in Angriff genommen haben“, sagte der Professor. Er freue sich auf den Herbst 2016, wenn die 600 Plätze eingerichtet seien.

Wie bunt Flensburg bereits jetzt seine Toleranz lebt, erzählte unter anderem Lydia Osae. Sie stammt aus Ghana und kam mit ihrer Mutter nach Deutschland. Seit 15 Jahren lebt sie in Flensburg und hat mittlerweile zwei Kinder. Sie spricht fließend Deutsch. Über ihre Besuche im städtischen Bücherbus ist sie mit der früheren Bibliothekarin Dagmar Fischer in freundschaftlichen Kontakt gekommen, der für beide Seiten immer wieder zu anregend-kulturellem Austausch führt. Gabi Schwon, aktive Gewerkschafterin und Uni-Mitarbeiterin, hat mehrfach schon Studenten, die kurzfristig eine Bleibe benötigten, bei sich zu Hause aufgenommen. Seit ihre fünf Kinder aus dem Haus sind, hat sie dort Platz. Seit März ist Dr. Obada Albakkour ihr Gast: Der Chirurg musste aus seiner syrischen Heimat fliehen, hat vor Ort Deutsch gelernt und macht derzeit ein ärztliches Praktikum. In wenigen Monaten kommt seine Familie nach. „Über die herzliche Aufnahme in meiner Gastfamilie bin ich sehr dankbar“, sagt er. Seine Gastgeberin, nach eigener Aussage mit einem dänischen ‚Wikinger‘ verheiratet, verheimlicht nicht, dass es schon einigen Mutes bedarf, einen Menschen mit fremder Sprache und Kultur bei sich aufzunehmen. Sie selbst hat einen jüdischen Hintergrund, ihr Gast ist praktizierender Moslem – zu Problemen führe das nicht. „Wenn man sich erstmal etwas kennen gelernt hat, sind Berührungsängste überhaupt kein Thema mehr“, weiß sie aus Erfahrung.

Das Willkommensfest lockte ab Sonnabendmittag etwa 500 Menschen in den Galwik-Park. Das Farbspektrum wurde von spanischen Sängern, afrikanischen Trommeln, Voice-of-Germany-Teilnehmer Rasmus Hoffmeister akustisch sowie durch orientalische und vegane Spezialitäten lukullisch repräsentiert. Kleine Besucher konnten beim Kicken toben oder Riesen-Seifenblasen kreieren. Für einen besonderen Akzent sorgte die Tanzgruppe der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Flensburg, bei deren abschließendem Sirtaki viele Besucher mitmachten und damit für ein spürbares Gemeinschaftsgefühl sorgte.


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