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„Nur“ Kassenpatientin : Flensburg: Mit 93 Jahren Patientin zweiter Klasse

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Flensburger Rentnerin konsultiert mit akuten Beschwerden zwei Fachärzte in Flensburg, ohne behandelt zu werden. Als Gründe werden ihr hohes Alter genannt und dass sie Kassenpatientin ist.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Irmtraud Wende* hat ein langes Leben hinter sich. Und erfreute sich überwiegend guter Gesundheit. Bis zu ihrer Pensionierung im Alter von 65 Jahren war sie nur ein einziges Mal krank – mit einer Erkältung suchte sie seinerzeit einen Arzt auf.

Jetzt ist Irmtraud Wende 93, um die Gesundheit ist es nicht mehr so gut bestellt – und die Welt um sie herum hat sich rasant verändert. Das musste sie schmerzhaft feststellen, als sie mit akuten Beschwerden einen Facharzt konsultieren wollte. Ihr Problem: Sie ist „nur“ Kassenpatientin – und das hat man sie sehr deutlich spüren lassen.

Die Rentnerin trägt ein Hörgerät. Damit nahmen die Probleme ihren Anfang. Denn nach jeweils einer Stunde stellten sich Ohren- und Kopfschmerzen, Sehstörungen sowie Schwindelattacken ein. Die Hörgeräte-Akustikerin ihres Vertrauens riet, einen HNO-Arzt aufzusuchen. Dort, sagt Irmtraud Wende, habe man lediglich in den Akten geblättert – um sie dann wieder wegzuschicken. Ohne Diagnose. Dafür mit den Worten: „Sie sind doch schon 93.“

Die Flensburgerin, die früher für einen Optiker arbeitete, ist sich bewusst, dass man sie oft als „altes Eisen“ betrachtet. „Aber dass es so schlimm um mich bestellt ist, dass es sich nicht mehr lohnt, mich zu behandeln, stimmt mich traurig“, sagt die bescheidene Patientin. „Ich möchte doch noch ein paar Jahre leben!“

Sie wandte sich Hilfe suchend an eine andere Praxis. Dort habe man als Erstes wissen wollen, ob sie privat oder kassenärztlich versichert sei. Davon sei es abhängig, ob sie am folgenden Tag oder erst in drei Wochen empfangen werde. Sie könne auch 100 Euro in die Hand nehmen und in die Sprechstunde für Selbstzahler kommen. „Das wollte ich aber nicht“, sagt die 93-Jährige, „dieses System will ich nicht auch noch unterstützen.“ Sie habe sich wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt.

Ähnlich erging es einer 46-Jährigen, die, nachdem sie in jener Praxis operiert worden war, ebendort mit einer hartnäckigen Nebenhöhlenentzündung auftauchte. „Kein Termin mehr frei“, hieß es trotz der sichtbaren Schwellung. Es sei denn, sie ließe sich privat behandeln. Anderenfalls empfahl man ihr, eine Notfallpraxis aufzusuchen – mit Pech müsse sie dann bis in die Ambulanz nach Rendsburg fahren. Hintergrund: In den Flensburger Kliniken gibt es keine HNO-Abteilung.

Aus besagter Praxis verlautete, dass die Kassensprechstunde in der Tat bis Ende November ausgebucht sei. „Aber Termin ist Termin.“ Ansonsten gebe es immer die Möglichkeit, sich privat behandeln zu lassen, etwa dann, wenn andere Ärzte nicht erreichbar sind, etwa Mittwoch- und Freitagnachmittag oder am Sonnabend. Zudem biete man die Selbstzahler-Sprechstunde an.

Von der Kassenärztlichen Vereinigung mit Sitz in Bad Segeberg gab es gestern keine Stellungnahme. Aber Untersuchungen weisen darauf hin, dass Kassenpatienten in der Regel dreimal länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen als privat Versicherte. „Es ist dem Mediziner grundsätzlich erlaubt, Privatsprechstunden abzuhalten“, erläutert Anne Mey von der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Nur Notfälle müssten behandelt werden. „Das mag ethisch fragwürdig sein“, meint die Sprecherin, „ist aber dem jeweiligen Arzt überlassen.“

*Name von der Redaktion geändert

 

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