Entwicklungsverzögerungen : Flensburg: Jedes dritte Kind hat Sprachprobleme

Vorbild auch für andere Kitas? Im ADS-Kindergarten Schulgasse – in einem Flensburger Stadtteil mit einem hohen Ausländeranteil – lernen die Kinder spielerisch die deutsche Sprache. Die türkischstämmige Erzieherin nutzt Buchstaben, mit denen die Kinder Worte bilden.
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Vorbild auch für andere Kitas? Im ADS-Kindergarten Schulgasse – in einem Flensburger Stadtteil mit einem hohen Ausländeranteil – lernen die Kinder spielerisch die deutsche Sprache. Die türkischstämmige Erzieherin nutzt Buchstaben, mit denen die Kinder Worte bilden.

Die Entwicklung bereitet Kindertagesstätten und Sonderpädagogen erhebliche Sorgen. Das Land fördert mit 203.000 Euro.

shz.de von
03. Juni 2014, 08:00 Uhr

Flensburg | Ist es „Mama“? „Papa“? Oder doch etwas ganz anderes? Es gibt wohl kaum ein Elternteil, das nicht dem ersten gesprochenen Wort seines Kindes voller Vorfreude entgegenfiebert. Viel wichtiger ist es jedoch, sich voller Freude in der Folge möglichst oft mit dem Nachwuchs zu unterhalten, um die sprachliche Entwicklung zu fördern. Dies geschieht offenbar immer seltener. Denn mittlerweile kann fast jedes dritte Kind, das eine städtische Kindertagesstätte (Kita) in Flensburg besucht, seinem Alter nicht angemessen sprechen – etwa, weil der Wortschatz zu gering ist.

„Im vergangenen Jahr haben 679 der 2387 unserer Kita-Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren solche sprachlichen Entwicklungsverzögerungen aufgewiesen“, berichtet Stadtsprecher Clemens Teschendorf. Die Tendenz sei seit Jahren steigend. Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund gehe dabei konstant zurück. Ausdrücklich ausgenommen von der Statistik seien Kinder mit motorischen Störungen, etwa Lispeln oder Stottern. „Solche Probleme weisen rund sieben Prozent der Kita-Kinder auf“, sagt Sonderpädagogin Barbara Lang von der Universität Flensburg. Deutlich besorgniserregender, da ist sie sich mit Pädagogen und Stadtverwaltung einig, seien die sprachlichen Entwicklungsverzögerungen. „Es gibt immer mehr Kinder, die nicht mit Worten beschreiben können, was sie sehen, weil ihnen die Vokabeln fehlen, sie benutzen Artikel falsch oder sprechen in unvollständigen Sätzen“, berichtet eine Flensburger Erzieherin.

Um solche Probleme möglichst zu beheben, kommen regelmäßig Sonderpädagogik-Studenten der Flensburger Uni und Sonderschullehrer in die Kitas. Dort sprechen sie in Kleingruppen mit den Kindern, um deren Wortschatz zu erweitern. „Es gibt auch spielerische Übungen zur Mundmotorik, Lautbildung und Erzählübungen, um die Phantasie anzuregen und die Freude am Sprechen zu wecken“, sagt Monika Polensky, Leiterin der Kitas Johannisstraße und Schwedenheim. In beiden Einrichtungen werden derzeit 37 der 66 Kinder sprachlich gefördert. Entsprechend hoch sei der Personalbedarf für die Fördermaßnahmen. „Bei uns sind es zurzeit zwölf Stunden pro Woche an verschiedenen Vormittagen.“

Doch die Unterstützung gibt es nicht zum Nulltarif. „Allein vergangenes Jahr haben wir 203.000 Euro vom Land für die sprachliche Förderung bekommen“, sagt Stadtsprecher Teschendorf. Das Geld sei jedoch sehr sinnvoll investiert, findet Mareike Timmermann-Vollbehr.

„Sprache ist ein wichtiger Schlüssel für Bildungserfolg“, sagt die Kreisfachberaterin für den Förderschwerpunkt Sprache beim Schulamt Flensburg. Wenn die Folgen von Spracharmut im Kita-Alter nicht behoben werden, könne dies schon in der Grundschule erhebliche Auswirkungen haben. „Dies kann zu deutlich schlechteren Leistungen führen, da Sprache in jedem Unterrichtsfach eine Rolle spielt.“

Die Folgen können sich im Extremfall bis ins Berufsleben ziehen. Auch im Sozialverhalten könne sich die Spracharmut niederschlagen. „Wenn die Kinder nicht in der Lage sind, ihre Gefühle und Wünsche verbal zu artikulieren, kann dies in Aggressionen und Gewalt münden.“ Andere würden sich zurückziehen und „deutlich weniger“ Sozialkontakte haben.

Soweit muss es jedoch gar nicht erst kommen, findet Stephanie Kuhnert vom evangelischen Kita-Werk Flensburg, das acht Kitas im Stadtgebiet unterhält. Von den 635 Kindern werden derzeit 106 von speziell geschulten Kräften sprachlich gefördert. „Die Zahl steigt aber leider.“ Um dem entgegenzuwirken, will sie stärker auf die Eltern zugehen. Kuhnert: „Der Dialog mit den Kindern muss in den Familien wieder viel stärker im Vordergrund stehen.“

Diese Forderung untermauert eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2011: Demnach unterhalten sich Eltern durchschnittlich acht Minuten am Tag mit ihren Kindern in Dialog-Form. Eine wesentliche Ursache dafür sieht Kuhnert bei den Unterhaltungs-Medien. „So findet beim Fernsehgucken eine Einwegkommunikation statt, bei der die Sprachanreize ausbleiben.“

Gerade für Jüngere seien diese aber von elementarer Bedeutung: „Aus der Spracherwerbsforschung ist bekannt, dass vor allem Kinder unter vier Jahren bei ihrer Entwicklung noch in hohem Maße auf direkte Gesprächspartner und sprachliches Handeln angewiesen sind“, erklärt Sonderpädagogin Lang. Kita-Leiterin Polensky formuliert es drastischer: „Die Entwicklung ist wie ein stiller Hilferuf der Kinder.“ Denn sie seien das schwächste Glied der Gesellschaft und können sich nicht wehren.

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