Sänger Tim Fischer : "Flensburg ist wie nach Hause kommen"

Zuhause an der Förde: Für Tim Fischer sind es kostbare Tage, die er in Flensburg mit seinen Freunden verbringt. Foto: Marcus Dewanger
Zuhause an der Förde: Für Tim Fischer sind es kostbare Tage, die er in Flensburg mit seinen Freunden verbringt. Foto: Marcus Dewanger

Sein Erfolg hat Tim Fischer auf große Bühnen gezogen. Doch ein Leben ohne seine Orpheus-Familie in Flensburg ist für den Berliner Chansonnier unvorstellbar.

Avatar_shz von
04. April 2011, 09:31 Uhr

flensburg | Ihre Begeisterung, Nähe, Ängste und Sorgen fordern von ihm alles - und Tim Fischer gibt alles. Jeden Funken Liebe, der bis in die kleinste Faser seines zarten Körpers fließt. Auch noch das letzte Quentchen Energie, das seine faszinierend kraftvolle Persönlichkeit erstrahlen lässt. Es bleibt nicht mal die Luft, um nach etlichen Zugaben auf das Hospiz für Aidskranke in Afrika hinzuweisen, für das Tim Fischer seit vielen Jahren persönlich nach seinen Konzerten Spenden im Publikum sammelt. Üblicherweise, doch heute ist es anders. Heute ist der beliebteste Chansonnier Deutschlands in Flensburg, steht ganz in Weiß und mit Schweißtropfen, die sich ihren Weg selbst durch eine massive Schicht Schminke geperlt haben, auf der Bühne des kleinen Orpheus-Theaters. "Hier zu sein, ist wie nach Hause kommen", schwärmt der 38-jährige Berliner.
Vor 20 Jahren eröffnet Conny Meesenburg ihre intime Kleinkunstbühne mit 60 Plätzen an der Marienstraße. Einer der ersten Künstler ist ein damals kaum bekannter, blutjunger Tim Fischer. Noch lang gelockt steht dieser vor 20 Jahren in Berlin auch erstmals als Zarah Leander auf der Bühne. Klar, das sich die Orpheus-Chefin für die zwei Fischer-Gastspiele am vergangenen Wochenende die Zarah ohne Kleid wünscht, obwohl Tim Fischer derzeit mit seinem Knef-Programm für Furore sorgt. Doch er erfüllt den Wunsch herzensgerne, weil das Orpheus-Publikum ihn schon als Unbekannten und Geheimtipp gefeiert hat, weil er die vertraute Enge und emotionale Nähe zu seinen Fans dort so liebt, weil über viele Jahre einige innige Freundschaften gewachsen sind. "Ich würde eher aufs Essen, denn auf Freundschaft verzichten", sagt Tim Fischer.
Nach dem Auftritt in Jeans und Pulli im Publikum
Doch die Pastete mit Hühnerfrikassee und das Vitello Tonnato - gezaubert von zwei Freunden, die nur wenige Schritte vom Orpheus entfernt wohnen - lässt sich der ausgelaugte Tim Fischer nach seinem Auftritt mit mehreren Sinnen als Mitternachtsmahl schmecken. "Ein Gedicht, das gibt neue Energie. Es ist immer ein Genuss, bei Sylvia und Peter zu sein", schwärmt der Star, der heute auch auf großen Bühnen auftritt. "Ökonomisch macht ein Gastspiel im Orpheus für keine Seite Sinn, dennoch ist es ein unbeschreiblicher Gewinn", betont Tim Fischer. Auch fürs Publikum, unter das er sich ganz selbstverständlich nach seinem grandiosen Auftritt in Jeans und Pulli mischt. "Dabei bekomme ich ganz besondere Komplimente, die bleiben den Massenkomikern, die sich heute im Fernsehen oder in Stadien blamieren, verwehrt", betont Fischer.
"Es ist schlimm, wie vielen der Respekt fehlt, wie viele sich nicht mehr benehmen können", sagt er am Mittag nach dem ersten Auftritt, beim Luft tanken an der Förde, an der er mit seinem Freund Rolando und seinem Pianisten Rainer Bielfeldt wohnt. Natürlich privat, nur ein kurzes Stück vom Haus der Meesenburgs entfernt, schließlich ist er Flensburg. So frech, so gnadenlos direkt und so makaber Tim Fischer auch auf der Bühne seine Worte in die Wunden der tiefsten menschlichen Abgründe legt - er betritt niemals das Terrain der Geschmacklosigkeit. "Ich lebe und glühe für etwas, das es heute eigentlich gar nicht mehr gibt - die Kleinkunst", sagt der 38-Jährige. Also für die professionelle, leidenschaftliche, ehrliche Leistung, die nur durch ein Klavier, ein Mikrofon und eine Sonnenbrille in Szene gesetzt zu werden braucht. "Schlimm", findet Tim Fischer, wie es heute um die Kultur im Land steht, und um die Menschen, von denen immer mehr die Sinnlosigkeit ihres Daseins ohne Gegenwehr akzeptieren, und auch um die Welt, besonders nach Japan. Dennoch verströmt er privat pure Positivität. "Ich lasse mich nicht mehr runterziehen. Ich habe gelernt, Ballast abzuwerfen und genieße es, in der Gegenwart zuhause zu sein." Und auch in Flensburg.
Vor dem zweiten Auftritt geht es zu Conny, mit den Kindern Pasta kochen. Dann erneut ins Orpheus, wo wieder viel Nähe und viele Sorgen im Publikum warten. "Die will ich nehmen, auf mich ziehen. Und Mut machen, jeden Tag Neues zu wagen", sprüht es aus einem privat angekommenen, künstlerisch zugleich ewig suchenden Tim Fischer heraus, der noch in gefühlten tausend Jahren auf der Orpheus-Bühne stehen will. Bis dahin gilt: "Das Leben bleibt ein Eiertanz, aber es ist auch jeden Tag ein Wunder." Zwei wunderbare Abende hat Tim Fischer auch diesmal den Flensburgern geschenkt.
(wer, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen