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Fund auf der Hotel-Baustelle : Flensburg: Historische Schätze im Kaysers Hof

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zeitreise ins 19. Jahrhundert: Eine Kupferkugel aus dem Dach des Hauses Schiffbrücke 34 gibt Zeugnisse aus der Bauphase frei.

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2016 | 13:40 Uhr

Flensburg | Man schreibt das Jahr 1889. Der Eiffelturm wird fertiggestellt und zur Weltausstellung in Paris freigegeben. Die Firma Nintendo wird gegründet. Die erste Ausgabe des Wall Street Journals erscheint. Auch in Flensburg bewegt sich was. Nicht so epochal, aber immerhin: Das Haus Schiffbrücke 34 entsteht. Es gehört zum späteren Komplex Kaysers Hof, der künftig als „Hotel Hafen Flensburg“ wiederauferstehen wird.

Die historische Bebauung umfasst auch eine Kupferkugel hoch oben auf dem Dach des Gebäudes. Durchmesser: etwa 40 Zentimeter. Doch das gute Stück verschwindet im Jahre 2008 mit anderen Gebäudeteilen von der Bildfläche. Einsturzgefahr!

Die mit der Realisierung des Bauvorhabens betraute Firma Höft macht sich auf die Suche – das Kulturdenkmal muss originalgetreu wieder hergerichtet werden. Schließlich wird man in einer Halle in Oeversee fündig, wo die Kugel damals eingelagert worden ist. Schwer beschädigt.

Yasar Odabasi, Chef des gleichnamigen Betriebs für Bautechnik und zuständig für die Fassadensanierung, begutachtet die Kugel. Seine Diagnose: nicht zu restaurieren. Ein Nachbau muss her. Als er die Kugel öffnet, gibt sie einen Hohlkörper frei. Darin lauter kleine Schätze. „Ich habe regelrecht eine Gänsehaut bekommen, als ich das sah“, sagt Hoteldirektorin Kirsten Herrmann. „Das war hautnah spürbare Geschichte.“ Prunkstück ist eine Zeitkapsel, die nach Recherchen des Stadthistorikers Dieter Pust vom damaligen Bauherrn Hans Andreas Johann Schmidt, geboren 1844, in die Kugel gelegt worden war. Schmidt war Gründer einer Fischräucherei, die er bis zum Jahr 1903 führte. Es finden sich Briefumschläge mit dem Firmenstempel wieder, daneben wurden seinerzeit Geldstücke und (inzwischen vergilbte) Fotografien eingeschlossen.

Postwertzeichen mit Flensburger Wappen und der Silhouette des Westufers.
Postwertzeichen mit Flensburger Wappen und der Silhouette des Westufers. Foto: Dewanger
 

30 Jahre später wurde die Kugel das erste Mal anlässlich einer Dachreparatur geöffnet. Man fügte Kriegsgeld hinzu und einige Kuriositäten: So einen Gutschein der Stadt Flensburg über 50 Pfennig. Einlösen kann man ihn heute nicht mehr, die Gültigkeit war auf nur einen Monat beschränkt. Es sei denn, er wäre „nach erfolgter öffentlicher Aufforderung des Magistrats in den Flensburger Zeitungen zur Einlösung bei der Stadthauptkasse (...) oder in den in der Bekanntmachung genannten Banken“ vorgelegt worden.

Darüber hinaus tauchten ein Darlehenskassenschein über eine Mark der 1900 etablierten Reichsschuldenverwaltung auf, den zu fälschen sich kaum lohnte. Das Vergehen wurde mit bis zu zwei Jahren Zuchthaus bestraft. Auch eine Briefmarke mit dem Motiv der Kathedrale von Reims und eine Postkarte mit vier verschiedenen Postwertzeichen des Deutschen Reiches fanden sich an, dazu eine Briefmarke mit einem stilisierten Baum, die, so Dieter Pust, am 1. Juli 1919 ausgegeben wurde und bis zum 31. Oktober 1922 gültig blieb.

Wenn die neue Kugel gefertigt worden ist, wird sie neues Material aufnehmen: Informationen zum Hotel-Projekt natürlich, Fotos, Münzen und Geldscheine, den vorliegenden Artikel und die aktuelle Tageszeitung. „Das alles wird dann in vielleicht 100 Jahren gefunden“, sinniert Kirsten Herrmann. „Ein faszinierender Gedanke!“

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