Hohe Population im Volkspark : Flensburg gibt „Stadtrehe“ zum Abschuss frei

Immer häufiger zu erleben: Nicht nur im Volkspark, sondern auch im Osbektal auf dem Gelände der Bundeswehr fühlen sich Rehe zu Hause.
Immer häufiger zu erleben: Nicht nur im Volkspark, sondern auch im Osbektal auf dem Gelände der Bundeswehr fühlen sich Rehe zu Hause.

Fünf Jäger sollen die „Überpopulation“ im Volkspark korrigieren. Zwei Redakteure haben zu der Bejagung unterschiedliche Meinungen.

shz.de von
06. Dezember 2017, 06:35 Uhr

Flensburg | Wo laufen sie denn? Wo sind all die Rehe hin, die im Volkspark gesichtet worden sein sollen? Dienstag, 14 Uhr. Auf der Pirsch, nicht mit Büchse, sondern dem Fotoapparat, ist das Ergebnis ernüchternd. Der Naturwald wie tot, kaum Spaziergänger, nur das gleichmäßige Rauschen des Verkehrsflusses von der Mürwiker Straße und Kielseng. Kein Tier weit und breit.

Doch in der Nähe des Tennisplatzes gibt es plötzlich Bewegung zwischen den dicht stehenden Bäumen. Ein stattlicher Rehbock blickt kurz auf – und ist schon davon. Da kann das Tele-Objektiv noch so lang, der Autofokus noch so schnell sein. Wenig später springen zwei weitere Rehe mit weiten Sätzen durchs Gehölz. Nach einer Stunde zieht der Fotograf ab – ohne Beute.

Das wird den fünf Jägern nicht passieren, die zwischen dem 1. Dezember und 31. Januar eine Sondergenehmigung für die Bejagung erhalten haben. Die war auch nötig. Denn bei dem 75 Hektar großen Volkspark handelt es sich um einen befriedeten Bezirk, in dem die Jagd ruht.

Rehe richten erhebliche Schäden an

„Als Berater der Jagdbehörde habe ich die Maßnahme wegen der Überpopulation befürwortet“, sagt Kreisjägermeister Heinrich Sievertsen. Das TBZ als Flächenverwalter argumentiert mit der verstärkten Verbreitung von Krankheiten bei den Tieren. Und Stadtsprecher Clemens Teschendorf ergänzt, die Rehe hätten bei den Junganpflanzungen durch Verbiss bereits erhebliche Schäden angerichtet. „Sie weichen aus auf umliegende Gärten und es hat vermehrt Wildunfälle auf den Straßen gegeben.“ Laut Statistik hat es im vergangenen Jahr 80 Unfälle im Stadtgebiet gegeben. Für die Tiere enden sie in der Regel tödlich. Eine weitere Dezimierung des Bestandes gebe der Abschussplan vor: 50 Rehe pro Jahr.

Wie viele Wildrehe aber leben im Volkspark?

Die Zahlen variieren. Während die Stadt 20 bis 25 Tiere nennt, spricht Sievertsen von der doppelten Anzahl. Mindestens. Zählungen seien möglich, indem man die Wege zwischen Schlaf- und Essensplatz beobachte, die so genannten Wechsel. Die rasant wachsende Population sei seit gut fünf Jahren festgestellt worden. Im Gegensatz zur weitläufigeren Marienhölzung gebe es schlicht zu wenig Platz.

Seit Anfang des Monats heißt es also: „Feuer frei!“ Gejagt wird morgens und abends von hohen Ansitzböcken aus. Im Fokus stehen dabei nicht die Böcke, sondern die Ricken. Zuvor wird die Leitstelle benachrichtigt. „Bislang ist aber noch nicht geschossen worden“, sagt Sievertsen. Nach Beendigung der angepeilten Reduzierung will das TBZ eine Bilanz vorlegen. „Wir gehen davon aus, dass etwa ein Viertel des Bestandes verschwinden muss“, sagt Sievertsen. Nach seiner Rechnung dürften circa 15 Tiere getötet werden.

Von einem Ansitzbock aus werden die Tiere geschossen.
Dommasch
Von einem Ansitzbock aus werden die Tiere geschossen.
 

Die Diskussion um das Für und Wider ist aus nahe liegenden Gründen stark emotional geprägt. Christian Carsten, der bei der Pflege der Grünanlagen am Stadion morgens bis zu sechs Rehe auf einer Lichtung beobachten kann, sagt: „Sie waren schon immer hier, und sie gehören hierher.“ Hege und Pflege – gut und schön. „Aber letztlich macht der Mensch in der Natur mehr kaputt als ein Reh.“ Das sieht Wolfgang Krischtan ähnlich. Er wohnt im Neubaugebiet am Wasserturm und sieht die Rehe oft von seinem Wohnzimmerfenster aus. Die Bissschäden sind seiner Einschätzung nach marginal. „Ich bin kein Fachmann, ich freue mich aber über den Anblick dieser scheuen Tiere.“

Pro und Contra: Dürfen überzählige Rehe im Volkspark getötet werden?

Antje Walther: Es geht um den Tierschutz

Rehwild ist nahezu flächendeckend im Land vertreten. Und der Mensch ist sein größter Feind, der im Auto unter anderem. Die Landespolizei hatte schon vor der Umstellung auf Winterzeit vor einer deutlichen Steigerung der Wildunfälle im Herbst gewarnt, über 11.000 waren es bis September. Die Gefahr, dass Rehe aus dem Volkspark vor Autos laufen und Menschen in Mitleidenschaft ziehen, ist groß.

Das Technische Betriebszentrum begründet die notwendige Bejagung der deutlich erhöhten Population zudem mit der Verbreitung von Krankheiten und Schäden an Pflanzen. Der Abschuss geschieht in der Jagdzeit auf Rehwild bis zum 31. Januar – mit Sondergenehmigung, weil er im befriedeten Bezirk stattfindet. Und sicher nicht nachts, wie es Anwohner gehört haben wollen, weil das verboten ist.

Was nützt es dem Reh, wenn es (eines nach dem anderen) qualvoll stirbt, siecht oder verhungert, weil es um Äsung konkurriert. Nichts davon ist im Sinne der Jäger, die auch Tierschützer sind und deren Aufgaben Hege und Pflege, Erhaltung und Entwicklung des Bestandes beinhalten. Wäre die Empörung doch nur so groß beim „Kükenschreddern“ und Massentierhaltung.

Carlo Jolly: Keine Gefahr

Man kann es für ein gutes Zeichen halten. Die Stadt Flensburg wächst jedes Jahr um mehr als 1000 Einwohner. Damit die Beinahe-Großstadt genügend Unterkünfte und Arbeitsplätze zur Verfügung stellen kann, werden zunehmend Kleingärten und Grünflächen zu Neubaugebieten oder Gewerbeflächen. Nachverdichtung heißt so etwas  im Stadtplaner-Deutsch.

Und obwohl die grüne Stadt Flensburg derzeit also an mehr als 20 Stellen für zusätzliche Wohnungen, bald ein neues Intercity-Hotel oder nicht ganz so bald eben auch ein neues Krankenhaus etwas weniger grün wird, nimmt der Wildbestand in der Stadt offenbar zu. Oder werden die Tiere erst jetzt an Orten wie dem Volkspark erkennbar, wo die Flächen langsam weniger werden? Rehe sind Wildtiere, und sie sind herrenlos. Geht von ihnen Gefahr aus? Für die öffentliche Sicherheit jedenfalls nicht – und für den Menschen schon gar nicht.

Dass sich Unbehagen in der Bevölkerung äußert, wenn dort in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohngebieten, wo nachmittags Kinder auf Spielplätzen spielen in der Dämmerung Rehe geschossen werden, dafür sollte man Verständnis haben.

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