Europa-Uni und Stadt : Flensburg forscht gegen das Wachstum

Sieben Engagierte: (von links) Juristin Alexandra Knak, Projektmitarbeiterin Stadt,Bürgermeister und Klimapakt-Vorsitzender Henning Brüggemann, Politologin Berit Erichsen, Projektmitarbeiterin Stadt, Jonas Lange, Projektmitarbeiter und Absolvent des Energie- und Umweltmanagements der Uni, Dr. Michaela Christ, Projektleiterin Uni, Umwelt-Ingenieur Leon Leuser, Projektmitarbeiter Uni, Dr. Bernd Sommer, Projektleiter Uni.
Sieben Engagierte: (von links) Juristin Alexandra Knak, Projektmitarbeiterin Stadt,Bürgermeister und Klimapakt-Vorsitzender Henning Brüggemann, Politologin Berit Erichsen, Projektmitarbeiterin Stadt, Jonas Lange, Projektmitarbeiter und Absolvent des Energie- und Umweltmanagements der Uni, Dr. Michaela Christ, Projektleiterin Uni, Umwelt-Ingenieur Leon Leuser, Projektmitarbeiter Uni, Dr. Bernd Sommer, Projektleiter Uni.

Die Genügsamkeitsstudie: Europa-Uni und Stadtverwaltung wollen untersuchen, wie eine umweltfreundliche Stadt gelingen kann

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16. November 2017, 05:44 Uhr

Es ist ein Forschungsprojekt mit einer politisch heiklen Frage im Mittelpunkt, für das die Stadt und die Europa-Uni mit 530 000 Euro vom Bundesforschungsministerium für drei Jahre gefördert werden. Wie kann die Flensburger Kommunalpolitik das Wohlergehen ihrer Einwohner ermöglichen, ohne dafür immer weiter wachsen zu müssen? Auf Wissenschaftsdeutsch liest sich das so: „Entwicklungschancen und -hemmnisse einer suffizienzorientierten Stadtentwicklung.“ Dabei kann man Suffizienz wohl mit Genügsamkeit übersetzen: „Es geht um die Frage des richtigen Maßes“, sagt Bernd Sommer, der das Umweltforschungsprojekt mit Michaela Christ vom „Norbert Elias Center for Transformation Design & Research“ der Uni leitet – gemeinsam mit Bürgermeister Henning Brüggemann auf Stadtseite.

Sie wollen erforschen, wie Flensburg sich zu einer klimawandelfesten, sozial gerechten und umweltfreundlichen Stadt entwickeln kann. Aktuell wächst Flensburg jedes Jahr um mehr als 1000 Einwohner Richtung Großstadt. Das ist gut für die Stadtkasse, weil mit jedem Einwohner auch Steuergeld in die Stadt fließt. Schon heute spüren Planer und Politiker im Rathaus, dass die Flächen – zum Beispiel für Wohnen und neues Gewerbe – endlich sind und die Verkehrssituation zu Stoßzeiten zunehmend mit jedem neuen Bürger schwieriger wird.

Stadt und Uni fragen danach, wie diese Ziele durch eine „Politik der Suffizienz“ erreicht werden können, also dadurch, dass die Einwohner weniger Ressourcen und Rohstoffe verbrauchen, indem sie ihre sozialen Gewohnheiten – Einkaufen, Ernährung, Mobilität und Wohnen – verändern. Die jüngsten kommunalpolitischen Diskussionen verdeutlichen die Brisanz: Weihnachts- oder Wochenmarkt auf dem Südermark? Gärtnern oder doch wieder neues Wohnen an der Mumm’schen Koppel oder im Volkspark? Schließlich wächst Flensburg doch so stetig. Gerade die Kleingärtner, eigentlich Musterbeispiel für genügsame Kreislaufwirtschaft im Kleinen in der Stadt, sehen sich dabei deutlich in der Defensive.

Ein Projekt mit solch einem Blick ist unter den 26 vom Bund geförderten Forschungsansätzen einzigartig. Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign an der Uni, sieht das als besondere Stärke: „Zukunft besteht im Moment hauptsächlich aus Schlagwörtern mit „smart“ davor: Smart City, Smart Meter oder Smart Grid. Aber für technikgetriebene Einsparungen durch mehr Effizienz muss man immer erst mal Aufwand treiben, also zum Beispiel neue Geräte installieren.“ Das Flensburger Forschungsvorhaben gehe da einen anderen Weg. „Es untersucht Maßnahmen, die den Ressourcenverbrauch reduzieren und die Lebensqualität in der Stadt erhöhen, und zwar nicht durch mehr Technik, sondern durch mehr Intelligenz.“

Kämmerer Brüggemann sieht es nicht als Widerspruch, dass er für sprudelnde Steuereinnahmen das Wachstum doch gut gebrauchen kann: „Wir müssen im Prozess denken und wollen das Thema in der Stadtplanung platzieren“, sagt er. Außerdem passiere in Flensburg schon sehr viel, was den Stempel von Kreislaufwirtschaft und Genügsamkeit verdiene: „Die Stadtbücherei mit ihrer Ausleihe ist suffizienz-orientiert“, sagt Brüggemann. Andere Beispiele seien „Urban Gardening“ oder „Repair-Cafés“. Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen, etwa mit den Fahrradwerkstätten bei den Sportpiraten auf dem Schlachthof oder der Polizei in Fruerlund.

Brüggemann erklärte auch, warum er diese Forschung, die knapp drei Jahre bis zum Sommer 2020 läuft, für notwendig hält: „Nicht nur die derzeitigen Baustellen zeigen, dass alles schleppender vorangeht. In fünf bis zehn Jahren wird es sicher noch viel schleppender. Da müssen wir etwas entgegensetzen.“ Die Folgen für die innerstädtische Luftqualität und das Gefährdungspotenzial im Straßenverkehr seien bereits heute spürbar, ergänzt Sommer.

Deshalb sollen mögliche Ideen genügsamer Projekte in Flensburg auch in einem Beteiligungsverfahren diskutiert werden. Ob sie sich dann von jenen unterscheiden, die gestern als Schlagworte fielen? Autofreie Zonen oder neue Nutzung leerstehender Gewerbeflächen etwa. Alexandra Knak ist eigens für dieses Projekt in den Dienst der Stadt zurückgekehrt. Die Juristin soll Chancen und Hemmnisse identifizieren. Berit Erichsen soll ihre Erfahrung aus der Einwohnerbeteiligung einbringen. Sie fragt sich: Wieviel Rückhalt hat das Thema in der Gesellschaft?

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