Flensburg - entstanden aus ein paar Lehmhütten

Ein Jahr lang Stadtgeschichte für alle - zum 725. Stadtjubiläum machen Flensburger Historiker dieses Angebot an die Bürger. Mit einer vierteiligen Serie von Bildervorträgen schildert Dr. Broder Schwensen, Direktor des Stadtarchivs, die Entwicklung Flensburgs. Zum Start lesen Sie heute: Von der Gründung bis ins Mittelalter.

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13. Februar 2009, 06:30 Uhr

Flensburg | Die Wiegenzeit Flensburgs fällt in die Zeit vom 11. bis 14. Jahrhundert. Eine frühe Siedlungszelle bildete Adelby, das heißt "Altdorf". Die dortigen Bewohner schufen im Umland durch Rodung zahlreiche Außendörfer. So entstand, vielleicht als Ableger Adelbys, nach 1100 an der östlichen Fördespitze eine kleine Siedlung, die sich bis 1160 zum Kirchflecken St. Johannis entwickelte.

Die Größe dieser Flensburger Ursprungssiedlung war bescheiden. Unterhalb der steinernen Kirche standen Behausungen und Buden aus Holz,- Lehm- und Flechtwerk. Die Bewohner waren selbstversorgende Bauern und Fischer, die im Nahbereich und wohl auch mit seefahrenden Händlern einen ersten Warenaustausch pflegten. Im Umland finden wir zudem Überreste früher Großgehöfte, die auf einen Bauernadel verweisen. Umwallungsreste der "Eddeboe", Stammsitz der Junkerfamilie Jul, sind noch heute in der Marienhölzung sichtbar.

Bald entstehen auf dem westlichen Ufersaum weitere Siedlungszellen, darunter als Hauptort die um 1170 vom dänischen König Waldemar nach klarem Gründungsmuster errichtete Markt- und Fernhändlersiedlung St. Marien mit Marienkirche und (Norder-)Markt. Im Süden folgt um 1200 St. Nikolai mit Kirche und Südermarkt, wo neben dänischen und friesischen bald auch niederdeutsche Kaufleute und Handwerker ansässig werden.

Das gut per Schiff erreichbare St. Marien erlaubte auch größeren Schiffstypen (Nef, Holk, Kogge) ein problemloses Be- und Entladen von Waren. Auf dem Norder- und Südermarkt versorgte sich die lokale und nahe Umlandbevölkerung. Das regionale Wegenetz erlaubt einen Transport von Waren in das Umland: nach Angeln führte die "Angelbostraten", nach den friesischen Mar schen und Küstenorten die "Friesische Straße". Eine Parallele des nahen Ochsenweges verbindet die Siedlung mit dem jütischen Viehhandel und führt später manchen Rom-Pilger durch die Stadt.

Der Ort wird in den Urkunden des 13. Jahrhundert als "Flensaaburgh" bezeichnet. Der Bedeutungs-Ursprung der Namenssilbe "flens" verweist auf die Fjordlage, die Silben "aa" und "burgh" auf eine bachnah gelegene Sicherungsanlage, wie sie auch das älteste erhaltene Siegelbild unserer Stadt aus dem 14. Jahrhundert zeigt. Der Wehrturm lag, so die neueste Erklärungsvariante, am hafenseitigen Ende der heutigen Neuen Straße.

Um 1200 umfasst Flensaaburgh etwa 500 Bewohner. Tonangebend sind die seefahrenden Fernhandelskaufleute, zusammengeschlossen in der Knudsgilde, deren strenge Satzung eine erste Rechtsordnung schafft. Kaum entstanden, wird Flensburg im Krieg zwischen König Erich und Herzog Abel 1248 in weiten Teilen verheert. Die Wiederaufbau-Generation vermag um 1260, dem Schleswiger und Lübecker Vorbild folgend, neben der Knudsgilde einen Rat zu etablieren. Der erreichte Rechtszustand wird schriftlich fixiert und am 29. Dezember 1284, also vor 725 Jahren, durch Herzog Waldemar IV. urkundlich als Stadtrecht bestätigt. Jedes Frühjahr versammeln sich nun die erbgrundbesitzenden Bürger auf dem "Allmannsting", um die Einhaltung des dort verlesenen Stadtrechts feierlich zu beeiden. Am unteren Ende dieses Tingplatzes errichtet 1443 eine stolze Bürgerschaft das erste Flensburger Rathaus, weshalb die dortige Straße noch heute "Rathausstraße" heißt. Heute erinnert im Straßenpflaster Ecke Große Straße/ Rathausstraße eine Bronze-Platte an diesen historisch bedeutsamen Stadtmittelpunkt.

Zum äußeren Schutz umschließt die Stadt seit 1350 eine Stadtbefestigung aus Mauer und Palisaden. Zuwegungen sind mit zahlreichen Toren gesichert. Unter Dänenkönigin Margarethe entsteht nach 1410/11 Flensburgs größte Befestigungsanlage, die bis 1719 bestehende Duburg.

Hintergrund dieser Sicherungsbauten ist der zwischen 1300-1500 wogende Kampf zwischen den dänischen Königen einerseits und den schauenburgisch-holsteinischen Grafen andererseits um das Herzogtum Schleswig. Die Landes teilung von 1490 lässt Flensburg schließlich dem königlichen Anteil zufallen.

Die wirtschaftliche Erschließung des Nord- und Ostseeraumes durch die Hanse beflügelt auch den Flensburger Handel. Das Niederdeutsche als Gemeinsprache der Hanse findet in unserer Stadt weite Verbreitung.

Neben der Kaufmannschaft entwickelt sich nach 1400 ein differenziertes Handwerk. Nach deutschem Vorbild bilden sich Zünfte, hier Ämter genannt, als erste 1437 die Schuhmacher und die Pelzer. Vielfältig sind die auf den Märkten angebotenen Waren: Brot, Getreide, Bier, Fisch, Viehzeug, dann Textilien, Leder und Pelze, aber auch Flachs und Tauwerk sowie Eisen-, Kupfer- und Holzgeräte.

Die meisten Flensburger wohnen noch im 14. Jahrhundert in strohgedeckten Behausungen aus Holz und Lehm. Die vielen offenen Feuerstellen fördern die Brandgefahr, und 1485 fallen weite Teile des mittelalterlichen Flensburgs einer Feuersbrunst anheim. Der Neuaufbau erfolgt mittels ziegelgefüllter Fachwerkhäuser, in prominenten Lagen, etwa um den Südermarkt, gern mit Backstein-Treppengiebel.


Der Vortrag
Eine Reihe von Grabungen in den vergangenen Jahren haben das Wissen um das alte Flensburg ergänzt und korrigiert: Mit den neuesten Forschungsergebnissen und einer Fülle von Bildern wird Dr. Broder Schwensen über Flensburg von der Gründung bis zum Mittelalter berichten. Sein Vortrag beginnt am Montag um 19.30 Uhr in der Bürgerhalle des Rathauses. Der Eintritt ist frei – nach dem Motto „Stadtgeschichte für alle“.

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