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Kriminalität auf Friedhöfen : Flensburg: Diebe stehlen Engel und Herzen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Diebstähle und Verwüstungen sind auf Flensburgs Friedhöfen an der Tagesordnung.

Flensburg | Erika Rathke schluchzt. Ihr Mann sei vor drei Monaten verstorben, sagt sie in bayerischem Dialekt. Beigesetzt wurde er im Baumfrieden auf dem Friedenshügel. Eingedenk der Heimat des Paares habe sie ein Herz aus hellem Holz mit einem zweiten Herzchen darin auf einem Kork-Untersetzer befestigt und auf die Grabstelle gestellt. „Wir gehören zusammen“, sollte es bedeuten, erklärt die 74-Jährige, die seit 26 Jahren in Flensburg lebt. Vor ein paar Tagen glaubte sie, ihren Augen nicht zu trauen: Das Doppel-Herz aus Holz war verschwunden. „Das hat mich schwer getroffen“, sagt Rathke, „man ist schon traurig, dass man ihn hergeben musste“, und in dieser schweren Zeit stehle ein Dieb zu allem Unglück ein einmaliges Erinnerungsstück.

„Die Flensburger Kriminalpolizei hatte in den vergangenen Monaten im Stadtgebiet keine derartigen Taten zu verzeichnen“, teilt Polizeisprecher Matthias Glamann mit und räumt ein, dass die Taten möglicherweise nicht angezeigt worden sind. Gleichwohl habe es in den vergangenen Jahren „einzelne Diebstähle von Edelmetallgegenständen“ gegeben; Tatverdächtige konnten damals ermittelt werden, darunter ein junges Paar, das Metall auf einem Flensburger Friedhof zum Wiederverkauf beim Schrotthandel gesammelt habe. „Hinweise auf bandenähnliches Verhalten oder Serientaten haben wir nicht“, resümiert Glamann.

Auch aus Sicht der Leitung der Flensburger Friedhöfe, die von zehn bis zwölf Diebstählen im Jahr ausgehe, bestünde kein „größeres Problem“, hat Stadtsprecher Clemens Teschendorf in Erfahrung gebracht. Eine Facebook-Umfrage des Flensburger Tageblatts hat binnen kurzem ergeben, dass auch Steine, Vasen oder Engelfiguren als Grabschmuck immer wieder vom Friedenshügel und Mühlenfriedhof verschwinden oder Grabstätten auch „nur“ verwüstet werden.

Von „andauernden Verwüstungen“ schreibt eine Seglerin, die das Grab ihrer Großeltern auf dem Friedenshügel pflegt. Sie habe im Internet nach Lösungen gesucht und „die Idee mit der Befestigung durch einen Klappanker gefunden“. Der wiegt zwei Kilo und habe als Ersatz in ihrer Garage herumgelegen. Nun kam er zum Einsatz: „Mit einer Eisenkette und einem mit Druck festgesetzten Karabiner habe ich das Gestänge einiger Windlichter und eine große Deko-Kugel aus Ton am Grab befestigt“ – das halte seither. Statt Stiefmütterchen habe sie Bodendecker und Blumenzwiebeln gepflanzt.

„Das betrübt mich so: die Haltung, die damit einhergeht“, beklagt eine 62-jährige Flensburgerin. Vor gut zwei Jahren seien ihre Eltern auf dem Friedenshügel im neuen Rosarium beerdigt worden. Mit frischen Blumen, einer schönen Vase, kleinen Steinen hat sie ihrer Trauer Ausdruck gegeben. Schon am nächsten Tag waren die Blumen achtlos verteilt, die Kleinigkeiten gestohlen oder zerstört worden. Das habe sich wiederholt, sagt die Flensburgerin, die im sozialen Bereich arbeitet. Weder Friedhofsamt noch Gärtner konnten ihr helfen. „Es geht nicht um Sanktionen“, unterstreicht die 62-Jährige, sondern um die Frage, „wie kann man eine Haltung erwirken, dass so etwas nicht passiert.“ Damit spricht sie den anderen Betroffenen aus dem Herzen, die nicht den materiellen Schaden in erster Linie bedauern, sondern mangelnde Achtung. „Verstorbene haben Respekt verdient.“

Clemens Teschendorf ermuntert Opfer von Vandalismus dazu, an die Friedhofsleitung heranzutreten. Zugleich betont er: „Wir wollen die Friedhöfe nicht verschließen.“ Diese „offene Kultur“ solle beibehalten werden, damit ein jeder jederzeit Zugang habe.

Es gibt auch gute Überraschungen. So berichtet eine Leserin davon, dass sie mit der Pflege eines Grabs nicht fertig wurde und am nächsten Tag wiederkehrte, um ihr Werk zu vollenden. Doch da war ihr jemand zuvor gekommen und hatte alles hübsch zurechtgemacht.

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erstellt am 21.Okt.2014 | 17:23 Uhr

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