Fahrgastschiffe : Flensburg: Die Wiege der „Butterdampfer“

Volldampf über Flensburg: Flensburg in den 30-er Jahren: Der wunderschöne Dampferpavillon war bereits dem schmucklosen Funktionsgebäude des Zoll gewichen.
Volldampf über Flensburg: Flensburg in den 30-er Jahren: Der wunderschöne Dampferpavillon war bereits dem schmucklosen Funktionsgebäude des Zoll gewichen.

Völkerverständigung bei Kaffee und Kuchen: Die 1935 gegründete Förde Reederei entwickelte das Duty Free-Geschäftsmodell.

shz.de von
07. Juli 2015, 17:47 Uhr

Flensburg | Heute steht nur noch eine für alle: Die „Alexandra“, Flensburgs dampfendes Denkmal, ist mehr als nur ein technisch wertvolles Unikat aus kaiserlicher Zeit. Wenn die 107 Jahre alte „Alex“, mittlerweile recht einsam, ihre schwarze Qualmfahne über die Flensburger Förde zieht, ziehen im Geiste weit über 120 längst verschwundene kleinere und größere Fahrgastschiffe hinterher – und mit ihnen der Dunst von Zigarren und Cognac, von Kaffee und Kuchen, fröhlichem Stimmengewirr auf Dänisch und Platt und der unvergleichlichen sprachlichen Mischung aus allem, dem Petuh.

Zu ihrer Zeit waren die Fördeschiffe die Vehikel für den Nahverkehr und das Sonntagsvergnügen der kleinen Leute: Ausflugsdampfer, Motorschiffe, die Flensburg im Liniendienst ab 1866 mit den Häfen entlang beider Fördeufer und der dänischen Südsee verbanden.

Das 1999 von der Europäischen Union verfügte Verbot zollfreier Waren an Bord vernichtete eine liebenswerte kulturelle Eigenheit der Region, die auch Deutsche und Dänen in schwerer Zeit einander wieder näher gebracht hatte. Ohne die Einnahmen aus dem Duty-Free-Verkauf konnte niemand mehr die Schiffe wirtschaftlich betreiben. Ein jetzt in ganz Europa tätiges Flensburger Unternehmen ist wie kein anderes mit dieser Zeit verbunden: Die Förde Reede Seetouristik GmbH und Co. KG.

Heute ist das Unternehmen mit traditionellem Sitz an den Norderhofenden international führender Betreiber von Fährlinien in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Auf dem Gewässer vor der Haustür fährt mittlerweile kein einziges Schiff der FRS-Flotte mehr. Aber der Unternehmenserfolg hatte hier seinen Ursprung. Und zwar im September 1935, als Flensburger Unternehmer ihre Fahrwasser erfolgreich gegen Kieler Konkurrenz verteidigten.

Damals war die große Zeit der „Vereinigten“, der Flensburg-Ekensunder Dampfschiffahrts-Gesellschaft, deren Gründung auf das Jahr 1866 zurück ging, unwiderruflich zu Ende. Das Unternehmen hatte arge Liquiditätsprobleme – aber ein attraktives Liniennetz, auf das Kieler Konkurrenten ein Auge geworfen hatten. Der drohenden Übernahme begegneten die Flensburger, indem sie sich zunächst einmal selber Konkurrenz machten. 100 Kaufleute zeichneten 80.000 Reichsmark als Kapital der Flensburger Förde Reederei, schon vorher hatten die Kapitäne Hans Festersen und Hans Petersen die Flensburger Motorschiffahrtsgesellschaft (FFM) gegründet.

Bei der Übernahme durch die Förde Reederei brachten sie wertvolle Mitgift in die Ehe ein. Die FFM hatte nämlich in letzter Sekunde die Konzession für die lukrative Linie Flensburg-Glücksburg erworben und 1934 zwei moderne Motorschiffe von der Flensburger Schiffbau Gesellschaft bauen lassen. Die auf der Minija (vormals Minge) immer noch aktive „Forelle“ und die als Privatschiff am Flensburger Westufer immer noch zu besichtigende „Libelle“. Sie, die beiden Motorboote „Johanna“ und „Grille“, und die von der „Vereinigten“ übernommenen Dampfer „Alexandra“, „Albatros“ und „Habicht“ bildeten das Rückgrat des neuen Unternehmens. Ihnen blieben nicht viele Friedensjahre. „Alex“, „Albatros“ und „Mürwik“ wurden im Zweiten Weltkrieg eingezogen – zuletzt halfen sie bei der dramatischen Evakuierung der deutschen Ostgebiete.

Für die Förde Reederei waren die Nachkriegsjahre bange Jahre. Nur die „Alex“ fuhr noch auf der Linie Flensburg-Glücksburg mit manchmal nur fünf Fahrgästen. Das anlaufende Wirtschaftswunder und die Woge der privaten Motorisierung sorgten für begründete Existenzängste bei Reedern und bei Schippern. Dabei stand der eigentliche Boom noch erst bevor. Und das lag an Orla Werner Rasmussen, einem findigen Unternehmer aus Sonderburg.

Rasmussen hatte als Erster die Idee, wie er seinen unter enormen Steuerlasten ächzenden Landsleuten zu billigem Schnaps und Zigaretten verhelfen konnte. Er charterte ein kleines, billiges Passagierschiff, auf dem sich die Fahrgäste außerhalb der Hoheitgewässer prächtig verproviantieren konnten. Die Förde Reederei vertrat für den Dänen die Interessen des gecharterten deutschen Dampfers – und erkannte schnell das enorme Potenzial dieses Geschäftsmodells.

Ab 1. Mai 1953 durften „Forelle“ und „Libelle“ nach zähem Verhandeln mit Kopenhagener Ministerien erstmals nach dem Krieg den beliebten kleinen Hafen Kollund anlaufen. Der Beginn einer Ära. Die Deutschen kauften in Dänemark die gute dänische Butter, die Dänen (und natürlich nicht nur die) nutzten die zollfreie Ration, um sich günstig mit Alkohol und Tabak einzudecken. Flensburg als Ziel und Einkaufsstadt profitierte außerdem. Die Butterfahrt war geboren.

Bis Ende der 90er Jahre sollten sich Dutzende Schiffe in vielen Häfen drängeln und Millionen Passagiere befördern. Das Fahrtgebiet reichte Mitte der 70er Jahre von von Ärösköping bis Kiel.

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