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Fall Ugur E. : Flensburg: Der nette Heroinhändler von nebenan

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Neustadt-Pate Ugur E. steht vor Gericht: Seine Nachbarin hat Probleme, ein Drogenversteck in ihrem Kleiderschrank zu erklären.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2014 | 19:03 Uhr

Flensburg | Als nachmittags am 13. Januar 2014 der Bremer Smart den Observationsposten an der Rader Hochbrücke passiert und sich ein dezentes Verfolgungsfahrzeug an dessen Fährte geheftet hatte, lagen vor Ugur E. im nahen Flensburg nur noch knapp zwei Tage in Freiheit. An Bord des von einer Kurierfahrerin gesteuerten Smart befand sich ein sorgfältig verpacktes 500-Gramm-Paket aus Holland, das den 44-Jährigen wieder hinter Gitter bringen sollte. Heroin. Wieder einmal.

Bereits 2002 war der Türke wegen gewerbsmäßigen Handels mit dem Stoff und einiger kapitaler Sexualstraftaten, die ebenfalls fest mit dem Drogengeschäft verknüpft waren, zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. 2011 kam er auf Bewährung frei. Seit 15. Januar 2014 sitzt er wieder – wegen der Fracht im Bremer Smart Four-Four. In den ersten Verhandlungstagen vor der 2. Großen Strafkammer war der 44-Jährige durch die Fahrerin und eine Bekannte schwer belastet worden. Offenbar hatte E. in seiner Wohnung in der Flensburger Neustadt schon kurz nach seiner Entlassung wieder einen schwunghaften Drogenhandel aufgebaut, in dem er auch seinen mitangeklagten Bruder Ümit mitarbeiten ließ.

Am Mittwoch versuchte die 2. Große Strafkammer unter ihrer Vorsitzenden Birte Babener näher einzugrenzen, ob, wie und in welchem Umfang in der Neustadt-Wohnung mit dem tödlichen Stoff gedealt wurde. Dazu musste eine Frau in den Zeugenstand, die an E. eigentlich nichts auszusetzen fand. „Er war hilfsbereit und nett“, sagt die 22-Jährige. Sie war erst seine Nachbarin im 3. Obergeschoss gewesen, später waren sie freundschaftlich verbunden, jeder hatte des anderen Wohnungsschlüssel, auch daraus macht die junge Frau keinen Hehl. „Wir haben uns vertraut.“ In aller Freundschaft aber brockte ihr der nette Heroinhändler von nebenan eine Notlage ein, die für die junge Mutter existenziell zu werden drohte.

Am 13. Januar, erzählt sie dem Gericht, sei sie am Abend von der Fahrschule nach Hause gekommen. „Und dann war da die Razzia!“ Was sie vorfand, war die aufgebrochene Tür ihrer Wohnung, ihre total durchwühlte Habe, Polizeibeamte, ein Drogenspürhund und mittendrin ihre kleine Tochter. Das Durchsuchungsprotokoll listet unter anderem zwei Laptops, zwei Handys, eine Weihnachtsschale und die modische Einkaufstasche eines Flensburger Schuhgeschäfts auf. Zur Weihnachtsschale rutscht der Zeugin noch ein flotter Spruch raus („weiß echt nicht, was die damit wollten...“); bei der Sache mit der Tasche wird das Vernehmungsgespräch zwischen Vorsitzender Richterin und Zeugin aber schon deutlich ernster. Es geht um das beigefarbene Pulver darin. Und es geht um die Frage, wie diese Tüte mit dem beigen Pulver wohl in ihren Kleiderschrank gelangte.

An dieser Frage hängt ihre Zukunft. Und nicht nur ihre. Auch die ihres Kindes. Später, als sie mit zwei Polizeibeamten zu ihrer Vernehmung aufs Revier gefahren wurde, habe ihr gedämmert, dass sie für ihr weiteres Leben eine grundsätzliche Entscheidung werde treffen müssen. Im Streifenwagen habe der eine Beamte gesagt, dass sie mehr als ein halbes Kilo in der Tüte gefunden hätten. Und das gerade geprüft werde, ob es Heroin ist. „Ein halbes Kilo Heroin! In meiner Wohnung! Da wurde mir klar: Du bist am Arsch!“

Diese Zeugin ist streckenweise sehr klar. Sie sagt deutlich, dass sie sich mit Blick auf den befreundeten Nachbarn schlecht und wegen des Drogenhintergrundes schuldig fühlt. Jenen Abend mit der dreistündigen Vernehmung auf der Wache habe sie wie in Trance durchlebt. Das Kind, der Job, die Zukunft. „Ich will das weitere Leben mit gutem Gewissen angehen“, sagt sie. Deswegen habe sie sich zur Kooperation entschlossen.

An diesem Nachmittag im Landgericht wird aber deutlich, dass über den Umfang dieser Kooperation sehr unterschiedliche Bewertungen vorhanden sind. Im Abgleich dessen, was die 22-Jährige gleich nach der Durchsuchung zu Protokoll gegeben hat und was sie heute noch erinnert, gibt es Diskrepanzen. Und manches, was im Januar protokolliert wurde, will sie so nicht gesagt haben. Dass sie und Ugur E. häufig über seinen Drogenhandel gesprochen hätten; dass er ihr von dem alten Drogenverfahren berichtet hatte; dass sie übereingekommen wären, dass er seine Drogen bei ihr lagert – das alles erinnert sie nicht mehr oder anders. Es klingt jetzt alles milder. Sie habe gewusst, dass da etwas ist, sagt sie, ohne dieses „Etwas“ zu benennen. „Soweit ich weiß, hat er Heroin verkauft“, sagt sie, kennzeichnet diese Aussage aber ausdrücklich als logischen Rückschluss und nicht als direkte Beobachtung.

E.s Verteidiger Christian Schumacher hört das sehr aufmerksam und arbeitet sicher nicht ohne Grund noch einmal den schockartigen Zustand der Zeugin in ihrer polizeilichen Vernehmung heraus. Ob das aber reicht, den Gehalt dieser Aussage zu erschüttern? Wie später am Tag herauskommt, war in der Tasche übrigens kein Heroin, sondern lediglich ein Streckmittel. Der Prozess wird Freitag um 9.15 Uhr fortgesetzt.

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