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Große Mandränke : Flensburg: Der Kirchenschatz aus der Sturmflut

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Verschollen und in Flensburg wiederentdeckt: Die Kirchenglocke aus der Burchadiflut von 1634 kommt nach Osterhever zurück.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2017 | 11:04 Uhr

Flensburg | Der Turm, der als Erster diese Glocke trug, steht schon lange nicht mehr. In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634, als die verheerende Burchadiflut die große Insel Alt-Nordstrand zerstörte, mag sie noch jemand zur Warnung geläutet haben. Genützt hat es, wenn überhaupt, nur wenigen. In jener verheerenden Orkannacht mit tausenden Toten an der Wattenmeerküste hörte das Kirchspiel Buphever nahe Pellworm zu existieren auf. Die Glocke aber gibt es noch. 1640 wurde sie nach Osterhever gebracht, 1908 auf den Flensburger Museumsberg – und gestern wieder zurück nach Osterhever. Eine beredte Zeitzeugin, auch wenn sie inzwischen gebrochen ist.

Michael Fuhr hat sich gerne von diesem Kirchenschatz getrennt, der so viel berichten kann. Über 455 Jahre Landesgeschichte, über Herrscher, Untertanen, Legenden, Glauben, das ewige Ringen mit dem Meer. Und über Heinrich Sauermann (1842-1904), Tischler, Holzschnitzer, Begründer von Museum und hoch angesehener Kunstgewerbeschule, Vorgänger von Michael Fuhr, dem heutigen Herrn des Flensburger Museumsberges.

Fuhr hat zum Reformationsjahr mit vielen Partnern der deutsch-dänischen Region ein Projekt auf die Beine gestellt, in dem die Glocke von Buphever mit vielen anderen Artefakten eine Rolle spielen wird. „Glaube.Orte.Kunst“ heißt es, verbindet vom 21. Mai bis 31. Oktober alte kirchliche Objekte dies- und jenseits der Grenze mit vor- und nachreformatorischer Zeit, begleitet von Vorträgen, Märchenstunden, Konzerten.

Ermöglicht hat dies Heinrich Sauermann als weitsichtiger Konservator. „Er hat Ende des 19. Jahrhunderts auf mühseligen Touren mit einem Ochsenkarren sakrale Kulturdenkmäler des ehemaligen Herzogtums Schleswig gesichert“, freut sich Fuhr. Der Museumsgründer – ursprünglich wollte er in Flensburg ein Museum für kirchliche Kunst einrichten – klopfte zwischen Ribe, Osterhever und Schleswig bei den Pastoren an. „Er nahm bevorzugt die elendsten Kunstwerke mit, um sie nur retten zu können“, so Fuhr. Seither befinden sich in seinem Fundus über 200 wertvolle mittelalterliche Skulpturen aus der Zeit, als die jütische Halbinsel noch katholisch war.

Die reiche Sammlung von einzigartigen Kulturdenkmälern ist für Michael Fuhr auch Beleg einer gewissen Besonnenheit im Land zwischen den Meeren. „In Süderlügum stand noch 400 Jahre nach der Reformation eine Papstfigur in der Kirche herum. Da hat sich nie einer dran gestört“, lacht der Museumsdirektor. „Von wegen Bildersturm – Reformation war hier ganz suutje!“ Mit der Lässigkeit des 21. Jahrhunderts soll auch diese Figur wieder zurück. Schüler der Werkkunstschule arbeiten gerade an einer Kopie. Die soll dann auf die Süderlügumer Kirchenbank rücken– Auge in Auge mit den anderen Kirchgängern.

Eigenartigerweise ist Flensburg nur Sammelstelle – nicht aber Lieferantin außergewöhnlicher Skulpturen. „Sauermann ist auf seiner Schatzsuche überall, nur in Flensburg nicht fündig geworden“, berichtet Fuhr. „Der Flensburger Kirchenschatz ist leider untergegangen. Ich nehme an, da hat damals wahrscheinlich der Rat der Stadt die Finger im Spiel gehabt.“

Ute und Karsten Böttcher sind überzeugt, dass wohl so ein Ochsenkarren ihre Buphever-Glocke einst auf schlechten Wegen nach Flensburg gezogen hat. Das Ehepaar aus Osterhever ist früh aufgestanden, um das neue Gemeindemitglied nach Hause zu bringen – diesmal auf kommoden Bundes- und Landesstraßen. In Nordfriesland waren sie durch Zufall auf den Standort der vergessenen Glocke gestoßen – über eine ebenfalls von Sauermann gesicherte und ebenfalls verschollen geglaubte Skulptur: die Mondsichel-Madonna. Die hatte Sauermann 1902 vom Kirchendachboden gerettet, die Eiderstedter hatten nach einem Hinweis dann nicht nur die 400 Jahre alte Madonna wiedergefunden, sondern auch die Glocke entdeckt.

Damit schließt sich ein großer Kreis von 1499 bis heute. 1562 hatte der Flensburger Künstler Michael Dibler die Glocke gegossen und auf Alt-Nordstrand in den 61 Jahre zuvor errichteten Turm eingebaut. Nach der großen Flut von 1634 hatte man auf der zerstörten Insel noch versucht, die Gemeinde zu retten, doch dann zog sich mit den Menschen auch die Glocke zurück und gelangte 1640 aufs Festland. 1908 hatte der arme Kirchenvorstand von Osterhever den 738 Kilo schweren Bronzeguss zum Altmetallpreis von 939,60 Reichsmark an das Flensburger Museum verkauft – und gestern ging es nun zurück in die Heimat.

In Osterhever („Unser Küster freut sich schon!“) soll die Glocke in der Nähe des Taufbeckens für die nächsten Jahrhunderte ihren festen Platz finden, ganz nahe auch bei Madonna, die schon seit 2010 wieder Friesin ist. Insgeheim träumen Ute und Karsten Böttcher davon, den Riss und das abgebrochene Stück irgendwann reparieren zu lassen. „Dann könnte man bei jeder Taufe einen leisen Glockenton anschlagen. Das wäre doch wunderschön.“

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