Haftbefehl nach Großbrand : Flensburg: Der Brandstifter wollte morden

Gondelfahrt: Für die Räumarbeiten organisierte der SBV einen Kran.
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Gondelfahrt: Für die Räumarbeiten organisierte der SBV einen Kran.

Nach dem Großfeuer an der Exe in Flensburg erging gegen den mutmaßlichen Täter Haftbefehl wegen versuchten Mordes. Der 48-Jährige war der Polizei bereits bekannt. Den vom Feuer betroffenen Menschen soll ein Spendenkonto helfen.

shz.de von
21. November 2013, 08:30 Uhr

Flensburg | Für den Haftrichter ist der Fall klar. Der Mann, der das Wohnhaus an der Exe anzündete, wollte töten. Gegen einen bereits am Montag festgenommenen 48-Jährigen erging Mittwochabend Haftbefehl wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung. Das Großfeuer hätte Dutzende Opfer fordern können – es gibt Hinweise, dass sich die Aggression des Täter gegen eine Bewohnerin richtete.

Wie die Polizei gestern Abend mitteilte, sind gegen den mutmaßlichen Täter bereits Verfahren wegen Verdachts der Bedrohung, der versuchten Körperverletzung, der Sachbeschädigung und mehrfachen Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz anhängig. In seiner Vernehmung wollte er sich zu den Vorwürfen nicht äußern, heißt es. Die Polizei habe jedoch zahlreiche Spuren sichern können. Auch den Brandbeschleuniger, der auf dem Dachboden des Hauses eingesetzt wurde.

Und dies ist nun das Resultat. Auf das gesamte Ensemble passt nur ein Wort: Trostlos. Im Gebäude Zur Exe 2-4, das einmal ein Wohnhaus war, begann gestern das Aus- und Aufräumen. Während die Mieter versuchen zu retten, was zu retten ist, erledigen die Brandermittler der Kripo in den verkohlten Resten des Dachgeschosses ihren Job.

Es stinkt. Und je höher man steigt, desto übler wird der Geruch von verkohltem Holz und nicht mehr zu identifizierenden Trümmerstücken in einer Tunke aus schwarz-braunen Löschwasserresten. Überall pitschen Tropfen aus den nassen Decken, alle Wohnungstüren sind geöffnet. Durchs Treppenhaus schleichen die, die hier einmal zu Hause waren. Keine Wohnung, die nicht schwere Wasserschäden davon getragen hat. Kaum mehr Möbel, die noch brauchbar sind. Eine kleine Gruppe lässt die Schultern hängen. Sie steht wie verloren im schnellen Getriebe drumherum. Ein Wäschekorb voll persönlicher Dinge, ein kleiner Fernseher, ein Kücheneimer und ein Katzenkörbchen – das ist es, was blieb.

Frank Raguse, Gesa Klitschke und Marco Jannsen sind für den Selbsthilfe-Bauverein vor Ort und koordinieren den Kehraus im verwüsteten Haus. Vorrangig, so Gesa Klitschke, gehe es zunächst darum, den Besitz der Bewohner zu sichern und zu lagern. Vier Mann eines Entrümpelungsunternehmens schuften im Akkord. Sie sind froh, dem traurigen Haus für die Zeit einer Fuhre zu entkommen. „Das ist schon hart da drinnen“, sagt einer. „Wir haben oben einen allein erziehenden Vater mit seinem achtjährigen Sohn. Das ganze Spielzeug kannste vergessen. Der Junge steckt das überraschend gut weg. Aber wenn du den Vater ansprichst, stellt er sich ganz still in die Ecke. . .“

Kein Einzelfall. „Alle hier haben fast ihr gesamtes Hab’ und Gut verloren“, so Gesa Klitschke. Mag in vielen Fällen eine Hausratsversicherung helfen – für mindestens drei Mietsparteien gilt das nicht. „Die stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. „Aber wir lassen keinen hängen“, sagt Klitschke. Aus SBV-Beständen sollte es möglich sein, allen einen möblierten Neustart zu organisieren. „Wir hatten gestern sogar Zahnbürsten organisiert. Dann sollte das wohl auch klappen.“ Die wichtigste Nachricht aber ist: Niemand wird obdachlos. „Wir können alle Betroffenen in Ersatzwohnungen unterbringen“, sagt Klitschke. Das Haus an der Exe wird auf Monate unbewohnbar bleiben. Gesa Klitschke schätzt den Schaden auf gut 500 000 Euro, der Wiederaufbau wird mindestens ein halbes Jahr dauern.

Unter den Überresten des Dachs sind unterdessen Henning Andresen und seine Kollegen von der Brandermittlung dem längst erloschenen Feuer auf der Fährte. Ihnen bietet sich ein Tohuwabohu aus Ziegelscherben, verkohltem Holz, geschmolzenem Plastik und tausend anderen kaum mehr erkenntlichen Überresten der ehemaligen Dachbodenmöblierung. Hier in luftiger Höhe über der Stadt ist jeder falsche Tritt lebensgefährlich. Die Holzdielen sind teilweise durchgekokelt, im völlig verwüsteten Wohngeschoss darunter sichern Handwerker die Decke, die für derartige Lasten nie konstruiert war. Wie Andresen und seine Kollegen in diesem Chaos Spuren lesen, ist ihr Geheimnis. Aber ihre Arbeit hatte Erfolg. Seit gestern Abend sitzt der mutmaßliche Täter aufgrund ihrer Arbeit in Untersuchungshaft.

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