zur Navigation springen

Trickdiebstahl mal anders : Flensburg: 88-Jährige schlägt Räuber blutig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Damit hat das Trickdieb-Paar nicht gerechnet: Eine resolute Rentnerin schlägt ihrem Angreifer ins Gesicht – und in die Flucht.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2014 | 07:37 Uhr

Es passierte vor vier Wochen. Doch noch immer stockt der Rentnerin der Atem, wenn sie erzählt, was ihr widerfahren ist. Aus einer harmlosen Einkaufstour wurde eine Begegnung der unheimlichen Art – ein Schrecken, den sie nicht vergessen wird. Doch die 88-Jährige setzte ein nachdrückliches Zeichen.

Es ist 8 Uhr morgens, als sie einen Lidl-Markt in Flensburg betritt. Sie will sich mit Kaffee bevorraten: Jacobs Krönung, Sonderangebot, drei Euro gespart. „Der ist immer ruckzuck weg“, sagt sie. Dass das Gesparte wenige Minuten später ebenfalls fast „ruckzuck weg“ gewesen wäre, kann sie nicht ahnen.

Den Weg zu ihrer Wohnung will die zierliche Frau mit dem Bus zurücklegen, sie ist nicht mehr so gut zu Fuß. An der Haltestelle setzt sie sich auf eine Bank, hält das Portemonnaie bereit. Ein Pärchen nähert sich, der Mann setzt sich neben sein vermeintlich leichtes Opfer. „Er hat mich in gebrochenem Deutsch gefragt, ob ich ihm ein Zwei-Euro-Stück wechseln könne, er brauche eine Münze für den Einkaufswagen“, erinnert sich die 88-Jährige. Sie lehnt ab. Doch der freundlich und gepflegt wirkende Mann insistiert mehrfach. „Du hast da doch Geld in der Brieftasche“, setzt er nach. Dann greift er plötzlich zu.

Während seine Komplizin das Geschehen beobachtet, versucht der etwa 20-Jährige, der alten Dame die Geldbörse zu entreißen. Doch diese hält tapfer dagegen. Und warnt ihn zunächst: „Finger weg, sonst kriegst du was auf die Nase.“ Der junge Mann hätte besser auf sie gehört. Doch er lässt partout nicht locker. „Da hab ich ihm eine geknallt – aber deftig“, erzählt die resolute Rentnerin. Dann hält sie inne. Man spürt es: Sie hat das Geschehen noch nicht verarbeitet. „Ja“, sagt sie nach einer Weile, „es schnürt mir immer noch die Kehle zu.“

Während der Auseinandersetzung fallen Münzen, Scheine und das Portemonnaie zu Boden. Auch die Zwei-Euro-Münze des Täters. Jetzt wird ihm eine zweite Verwarnung zuteil: „Finger weg von meinem Geld, sonst kriegst du noch eine drauf“, herrscht die Flensburgerin den Angreifer an. Der hat es offenbar noch immer nicht begriffen. Da schnellt die rechte Gerade der Rentnerin vor, die Faust landet krachend auf der Nase des Räubers, Blut spritzt. Fassungslos hält der junge Mann die Hände vors Gesicht. „Dann waren beide auf einmal weg, schnell wie der Blitz“, berichtet die gelernte Maskenbildnerin mit zitternder Stimme. Sie hat die Trickdiebe in die Flucht geschlagen – buchstäblich.

Heute kann sie kaum glauben, was sie getan hat. Woher sie den Mut genommen hat. „Nie zuvor habe ich jemanden verprügelt. Und nun konnte ich gar nicht mehr schlafen“, sagt sie, „solches Herzklopfen hatte ich.“ Glauben konnte sie auch nicht, was sie zwei Wochen später in der Zeitung las. Ein junges Paar hatte einen 84-Jährigen um mehrere Hundert Euro erleichtert. Gleiche Masche, gleicher Ort. Und auch die Täterbeschreibung war identisch: Der Mann 1,70 bis 1,75 Meter groß, 20 bis 25 Jahre alt, schlank, kurze dunkle Haare. Er trug dunkle Oberbekleidung, eine dunkle Jeans und Sportschuhe. Die Frau kleiner als 1,70 Meter, jünger als 20 Jahre, schlank mit hellen, schulterlangen Haaren. „Das müssen die gleichen Täter sein“, sagt die Rentnerin, „da bin ich mir sicher.“

Ihre Familie ist mächtig stolz auf die wehrhafte Oma, die zwei Enkelkinder und drei Urenkel hat. Sie ist in ihrem Leben von Unglück nicht verschont geblieben. Schon einmal wurde ihr die Geldbörse auf dem Wochenmarkt gestohlen. Und vor vier Jahren verlor sie ihre Wohnung nach einem Zimmerbrand.

Bis auf den Schock hat sie den Vorfall mit dem räuberischen Duo gut überstanden. Und Vertrauen in ihre eigene Stärke gewonnen. Mit ihrem Bruder kann sie über alles sprechen. Er ist ihr immer eine große Stütze. „Wie gut, dass ich ihn hab“, sagt sie. Und er fügt hinzu: „Toll, wie sie sich gewehrt hat. Das hätte ich ihr niemals zugetraut. Aber so etwas kann auch mal nach hinten losgehen.“ Die Wehrhaftigkeit liege wohl in der Familie. Besonders, wenn es um das liebe Geld geht. „Dann stellen wir uns auf die Hinterbeine.“

Die 100 Euro, die sich in ihrem Portemonnaie befanden und bei dem Handgemenge in alle Winde verstreut wurden, hat die 88-Jährige wiedergefunden. Und ihr Gegner („Der hat wohl noch geübt“) musste im wahrsten Sinne Lehrgeld bezahlen. Seine zwei Euro sind perdu. „Die habe ich mit aufgesammelt“, sagt die Rentnerin und lächelt verschmitzt, „und einfach eingesteckt.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen